Eine Prise Stanislawski, zwei Spritzer Brecht
Tamas Ascher aus Budapest ist einer der treuen Tschechow-Regisseure des zeitgenössischen Theaters, manche sagen: der treueste. Seine «Drei Schwestern» am Katona Jozsef Theater (1986) sind legendär, reisten um die Welt und blieben zehn Jahre im Spielplan. 1990 inszenierte er dort «Platonov» und 2004 endlich auch «Ivanov».
Während er bei den «Drei Schwestern» ganz dicht an den Figuren und Situationen blieb, durch Detailfülle und Genauigkeit zur Identifikation einladend, zeigt er fast zwanzig Jahre später bei «Ivanov» eine fast abstrakte Draufsicht, schaut skeptisch prüfend wie ein Wissenschaftler durchs Mikroskop auf eine fremde Welt, in der die kleinen Tierchen durcheinander wimmeln. Statt mit dem Psycho-Zoom inszeniert er in der Totalen, legt amüsiert, nachsichtig oder böse den Zustand einer Gesellschaft bloß, die einzig um sich selbst kreist und jeden herauszuschleuden droht, der sich ihr in den Weg stellt. Ivanov ist hier genauso durchschnittlich und langweilig wie alle anderen, er sieht nur besser aus, hat die eleganteren Posen und versteht es, sein pathetisches Selbstmitleid als intellektuelle Zerrissenheit zu verkaufen.
Die Aufführung spielt in den frühen sechziger Jahren auf ...
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Wumm wumm, der Wind macht seine Brust weit.» Wahrlich, er ist auch reich an albernen Obertönen – dieser Prototext der deutschen literarischen Moderne. Er kreischt und murmelt und grollt wie die Großstadt, die er so gierig eingesogen hat: «Rumm rumm wuchtet vor Aschinger auf dem Alex die Dampframme.» Und doch ist nirgendwo sonst der Groove der Roaring Twenties...
Ein Motel irgendwo im amerikanischen Niemandsland. Hier treffen sich Glücksritter und Gelegenheitsarbeiter, die auf dem Fall durch die losen Maschen des sozialen Netzes schon ziemlich weit unten angelangt sind. Ein Limbus für gestrandete Existenzen, dessen schäbige Trostlosigkeit die letzten Überlebenskräfte mobilisiert, um aus dem natürlichen Abwärtstrend noch...
Vier Tage vor der Premiere sprach der ehemals wilde Mann ein zu Herzen gehendes Wort zum Sonntag. Der «fünffache Papa» Frank Castorf, lange nach eigenem Bekunden im «Tagesspiegel»-Gespräch ein «Rabenvater», erwähnte sein «wachsendes Bedürfnis, sich zu verändern». Hat er etwa deshalb jetzt sein erstes Märchen inszeniert und gar nicht, um den Autor Hans Christian...
