Eine Generation, die ihre Bildung umtauschen musste

Günther Rühle legt den zweiten Band seiner monumentalen deutschen Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts vor: «Theater in Deutschland 1945–66». Darin fehlt nur ein Kapitel – das über Rühle selbst, den enzyklopädischen Kritiker, Inten­danten und Theaterhistoriker, der im Juni dieses Jahres 90 Jahre alt geworden ist. Rühle spricht nicht gern über Rühle, denn es gebe inter­essantere Themen. Wir holen es nach: ein Gespräch über sein Leben, seine Generation, seine Entwicklung. Dazu ein Vorabdruck aus dem neuen Band über die aufregende Zeit, als ein politisches Theater im Nachkriegsdeutschland entstand.

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Günther Rühle erzählt - vier Fragen und ein Leben als Antwort

Franz Wille: Lieber Herr Rühle, Sie sind Jahrgang 1924, haben noch den Rest des Hitler-Theaters erlebt und jetzt über den Neuanfang nach 1945 geschrieben. Wie haben Sie den Übergang geschafft? Ihre Generation, die jüngste, die noch im Krieg war, musste schnell umdenken, umlernen.

Günther Rühle:
Als ich eingezogen wurde zu Hitlers Wehrmacht, war ich 17, war in Bremen auf dem Altsprachlichen Gymnasium, Griechisch-Latein. Die Einberufung kam ein Jahr vor dem Abitur.

Es gab einen Reife­vermerk im Zeugnis, dann ein halbes Jahr Arbeitsdienst, Rekrutenausbildung bei der Luftwaffe, Kriegsschule, drei Jahre dauerte noch der Krieg. Ich war bei der Luftabwehr, erlebte die schweren Luftangriffe auf Köln, auf Hamburg. 1945 zogen wir, weil wir noch eine intakte Flak-Batterie hatten, bis Schleswig-Holstein, um den Rückzug zu decken, wollten immer noch den Krieg gewinnen. Das versteht man heute nicht mehr. Ich war acht Jahre alt, als Hitler an die Macht kam, also voll erzogen nach den «neuen Prinzipien». 1945 dann ein sogenannter Kapitulationsleutnant, die Beförderung «an Führers Geburtstag» erreichte uns Oberfähnriche nicht mehr. Als es ...

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Theater heute Oktober 2014
Rubrik: Theatergeschichte, Seite 50
von Franz Wille

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