Eine Familiengeschichte
Was für eine nette Familiengeschichte: Oma muss in jungen Jahren eine eiserne Nazisse gewesen sein, die noch eine Woche vor Kriegsende in der österreichischen Provinz dafür gesorgt hat, dass ein junger Wehrmachtssoldat, der laut ans Desertieren dachte, standrechtlich hingerichtet wurde. Ein Jahr später wurde sie dafür zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Danach hat sie einen älteren hüftleidenden Mann aus dem Dorf geheiratet und mit ihm eine Tochter bekommen. Der eher unauffällige Gatte starb nach einigen Jahren. Die Tocher wurde ebenfalls Mutter, von ihrem Mann erfährt man gar nichts.
War in der Familie offenbar nicht der Rede wert. Die Enkelin lebt in der Stadt, verfügt über solide kulturwissenschaftliche Halbbildung, hat zahlreiche wechselnde Liebhaber, die sie gerne postkoital mit dem Handy knipst und ihnen die Schnappschüsse hinterherschickt. Einer von ihnen rastet irgendwann aus und schlägt sie zusammen, Ende offen. Ach ja: Die Oma wird steinalt, lebt allein und redet wenig. Sie erhängt sich mit 96 Jahren.
So könnte man die Geschichte, der ein authentischer Fall aus Österreich zugrunde liegt, erzählen. Doch Ewald Palmetshofer hat etwas anderes vor. Er ist ein Spezialist für ...
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Theater heute Februar 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 8
von Franz Wille
Das bildungsbürgerliche Publikum ist überall: Nicht nur auf die Hinterbühne hat es sich verdoppelt, sondern sogar bis auf die Bühne verlängert. Dort unten, eingekesselt zwischen den beiden Tribünen, lauschen zwei seriös gekleidete Paare einem Klavierspieler (Matthias Herrmann) und einem Sänger (Tomas Möwes) bei der Darbietung deutscher Volkslieder. Kurz darauf darf...
Mit Reenactments ist es so eine Sache. Selbst wenn man zum Zweck kritischster Draufschau rassistische, sexistische, antisemitische oder sonstwie mensch- oder tierverachtende Ereignisse aufführend wiederholen und idealerweise erkenntnisstiftend durcharbeiten möchte, macht man sich zum Komplizen des Heraufbeschworenen. Das können auch gezielte Brechungen – Beispiel:...
Ein paar Tische auf einer sonst leeren Bühne, über der ein Billboard im Stil der 1950er Jahre schwebt und das auf Englisch und in wechselfarbigen Neon-Buchstaben zum Leben in den Vororten einlädt («Train fares are SO CHEAP») – das ist alles, was Intendant Enrico Lübbe und sein Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt brauchen, um «Zeiten des Aufruhrs» in Szene zu setzen....
