Bürgerliche Hausmusik
Das bildungsbürgerliche Publikum ist überall: Nicht nur auf die Hinterbühne hat es sich verdoppelt, sondern sogar bis auf die Bühne verlängert. Dort unten, eingekesselt zwischen den beiden Tribünen, lauschen zwei seriös gekleidete Paare einem Klavierspieler (Matthias Herrmann) und einem Sänger (Tomas Möwes) bei der Darbietung deutscher Volkslieder. Kurz darauf darf der gesamte Saal in Reinhard Meys «Apfelbäumchen»-Schnulze einstimmen, denn Gerhart Hauptmanns Familie Vockerat feiert die Taufe des ersten Enkels.
Wie ein bedrohlicher Stern geht über der Bühne in kindlich verzierten Holzbuchstaben der Name des neuen Stammhalters auf. So verzückt die Großeltern mitsingen, so zerstreut wirkt das junge Elternpaar: Übertrieben fürsorglich tätschelt der junge Vater Johannes seiner ständig auf das Babyphone schauenden Frau Käthe den Rücken. Klar, dass hier so einiges im Argen liegt und die bevorstehende mehrwöchige Zusammenkunft der Familie (bei Hauptmann in einem einsamen Landhaus am Müggelsee) ein böses Ende nehmen wird: Johannes, einst Theologe, verfasst inzwischen religionskritische Schriften, befindet sich derzeit jedoch in einer Schreibkrise. Er hadert mit seiner Rolle als ...
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Theater heute Februar 2015
Rubrik: Chronik Bochum, Seite 49
von Natalie Bloch
Ein gewisses Verwirrspiel mit Rollenidentitäten gehört zum Konzept von Falk Richters schwuler Empowerment-Inszenierung «Small Town Boy». Zum Auftakt befragt der Videokünstler Glen, mit geschmeidiger Arroganz gespielt von Thomas Wodianka, seinen One-Night-Stand Russell, offensiv defensiv gespielt von Aleksandar Radenkovic, vor laufender Kamera für ein Kunstprojekt...
Flüchtlinge haben ja längst eine Maßeinheit: Man gibt sie in Hunderten oder Tausenden an, in den Zeitungen und im Fernsehen begegnen sie uns als Masse, namenlos bleibt der Einzelne, sein ganz individuelles Schicksal unerzählt. Der junge, aus Kiew stammende Autor Dmitrij Gawrisch hat sich für sein Stück «Brachland» zwei Menschen herausgegriffen aus dem Pulk, der die...
Wenn auch der Dichter Brecht gegenwärtig keinen entscheidenden Einfluss mehr auf die Literatur der Gegenwart hat und seine Stücke zwar weiterhin gespielt werden, aber kaum Impulse für das zeitgenössische Theater liefern, reißt die Flut der Sekundärliteratur nicht ab, da seine Werke beliebter Schulstoff sind und die Germanistenzunft noch zündende Funken aus ihnen zu...
