Ein manifestes demokratisches Problem
Meine Leitfrage ist: Bewegen wir uns 25 Jahre nach dem Ende der bipolaren Weltordnung und nach der dazwischenliegenden Periode, die von vielen Theoretikern auch als neue Weltunordnung bezeichnet wurde, wieder auf einen dominanten Dualismus zu? Meine Hypothese ist, dass diese neue bipolare Bruchlinie sich in den Innenraum der europäischen Gesellschaften verlagert hat und an der Frage von Migration und der Einstellung dazu ausrichtet.
Es geht nicht mehr um einen Konflikt zwischen dem Westen und der islamischen Welt, sondern um einen akuten Konflikt zwischen Europa und sich selbst.
Zwischen dem Selbstbild Europas als offene, aufgeklärte, demokratische und tolerante Gesellschaft, das sich nicht deckt mit den Realitäten des Finanzkapitalismus, der Ungleichheit, der Abwehr, der neuen Grenzziehung, der Intoleranz und des ansteigenden Rechtspopulismus, der diese Gesellschaften derzeit prägt.
Die Frage des Umgangs mit Migration ist daher eine Chiffre für die große Frage danach, ob wir wirklich sind, was wir vorgeben, glauben oder wünschen zu sein, ethisch-moralisch, demokratie-theoretisch und identitär. Und es ist eine Chiffre für die Frage nach der Verwobenheit Europas in globale ...
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Theater heute April 2016
Rubrik: Essay, Seite 40
von Naika Foroutan
Garantiert anspielungsfrei, aktualitätsresistent und gegenwartsabstinent ist diese Aufführung. Keine Wirtschaftskrise, kein Dschihad und kein Flüchtling trübt die grundschwarze Bühne. Das Spiel kreist, meist aufgeregt, um sich selbst. Natürlich stellt man sich, als Kritiker zumal, bedenklich die Frage, was das soll.
Der «Revisor» ist eine Entlarvungsgeschichte aus...
So ein zeitgenössischer Theaterautor hat es wirklich nicht leicht heutzutage. Da kommt man in eine Stadt, von der man nicht viel kennt außer Bahnhof, Theater und einem mittelschlechten Vertreter-Hotel auf halbem Weg dazwischen, soll ein möglichst zugkräftiges Stück mit intensivem Ortsbezug entwickeln und dabei auch noch schlauer als alle anderen sein. Nämlich...
Aufführungen
Er war der erste, der sich an die ganz, ganz dicken Schmöker getraut hat: Frank Castorf, der seit zwanzig Jahren nicht nur Dostojewski zu langen, langen Theaterabenden kompiliert. Am Münchner Residenztheater hat er sich jetzt Jaroslav Haseks 1000-seitigen Schelmenroman «Die Abenteuer des guten Soldaten Svejk im Weltkrieg» vorgenommen, Länge des Abends...
