Dramatische Kulturtechniken
So ein zeitgenössischer Theaterautor hat es wirklich nicht leicht heutzutage. Da kommt man in eine Stadt, von der man nicht viel kennt außer Bahnhof, Theater und einem mittelschlechten Vertreter-Hotel auf halbem Weg dazwischen, soll ein möglichst zugkräftiges Stück mit intensivem Ortsbezug entwickeln und dabei auch noch schlauer als alle anderen sein. Nämlich selbstverständlich voll auf der Höhe der angesagten Kunst-, Medien- und Gesellschaftsdiskurse schweben und dabei glaubwürdig und natürlich auch kritisch bleiben, aber bitte kompromisslos und karriereverachtend kritisch.
Das alles termingerecht und möglichst dreimal im Jahr, denn von einem Stückauftrag allein kann niemand leben. Bei Nichtlieferung hat das Theater schon den Anwalt bei der Hand, der dem verträumten Schreiberling in seiner Berliner Szeneklause Beine macht oder wenigstens den Vorschuss wieder einkassiert.
So oder ähnlich darf man sich das beschwerliche Leben des «Unsicher wirkenden jungen Mannes» vorstellen, der in Nis-Momme Stockmanns neuem Stück «Amerikanisches Detektivinstitut Lasso» in Hannover als schüchternes Autor-Alter-Ego durchs Theater und das nahegelegene Hotel am Thielenplatz schleicht und mit ...
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Theater heute April 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Franz Wille
Elfriede Jelineks Stück «Die Schutzbefohlenen» ist noch keine drei Jahre «alt». Was ist geschehen seither? Allein 2015 ertranken mehr als 3.000 Flüchtlinge im Mittelmeer; europäische Politiker verhandelten in endlosen Sitzungen über das Schicksal von fliehenden Menschen, als wären sie Stückgut, das es zu verfrachten oder zurückzuschicken gilt; und vor ein paar...
Europa knirscht in seinen Grundfesten. In Brüssel und an den diversen Binnen- und Außengrenzen wird immer hektischer daran gearbeitet, die inneren Fliehkräfte, die es zu zerreißen drohen, und den Ansturm der Hilfesuchenden von außen noch irgendwie zu harmonisieren. Grund genug, auch in der künstlerischen Praxis nach stabilisierenden Zwischenböden zu fahnden,...
Aufführungen
Er war der erste, der sich an die ganz, ganz dicken Schmöker getraut hat: Frank Castorf, der seit zwanzig Jahren nicht nur Dostojewski zu langen, langen Theaterabenden kompiliert. Am Münchner Residenztheater hat er sich jetzt Jaroslav Haseks 1000-seitigen Schelmenroman «Die Abenteuer des guten Soldaten Svejk im Weltkrieg» vorgenommen, Länge des Abends...
