Dramatischer Suchtstoff
Du bist wirklich verrückt geworden, Alfred», diagnostiziert Charlotte absolut zutreffend und klingt dabei eher zoologisch interessiert als irgendwie aufgebracht. Chapeau: Schließlich befindet sich die Mittvierzigerin mit ihrem Gatten auf dem Rückweg ins Hotel nach einem Dinnerausflug, in dessen Verlauf der Inhalt (mindestens) eines Rotweinglases in ihrem Gesicht gelandet war.
Aber während das Ehepaar – unisono im 1,5-Promille-Bereich – auf der Suche nach seinem Zimmer schließlich Arm in Arm durchs aseptische Hoteltreppenhaus irrlichtert (denn gegen die Außenweltzumutungen steht man trotz blutrünstigster Binnenverwerfungen selbstredend vereint wie der Fels in der Brandung), setzt Charlotte doch noch zum Dolchstoß an. «Verrückt», präzisiert sie, meint allerdings schon längst nicht mehr «diese kreativ-lustige Art», die sie ursprünglich mal an ihm – Alfred – «angezogen» habe. Sondern jetzt – und die Lust an der verbalen Gatten-Verzwergung könnte Charlotte tatsächlich nicht deutlicher anzumerken sein – mache sich da «so eine klammernde, grapschende Qualität» breit, «so etwas kläglich nach Luft Schnappendes wie von jemandem, der am Rande einer Klippe hängt und nach Hilfe schreit». Der ...
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Theater heute März 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Christine Wahl
Ein Mann kommt abends zur Tür herein, zurück in den Schoß der Kleinfamilie, und sieht sich selbst am Tisch sitzen. Verständlicherweise reagiert er nicht gerade begeistert, zumal die Restfamilie so tut, als wäre alles in Ordnung. So beginnen spätestens seit der Romantik Identitätskrisen, die den scheinbar festgefügten Alltag aus den Angeln heben. Bald werden sich...
Im Anfang war das Wort. Und das Bild. Und sonst auch noch vieles. In Stuttgarter Schauspielhaus hat Kay Voges, hauptberuflich Intendant des Dortmunder Schauspiels, zur Messe geladen. Mit Weihrauchduft lotst er die Besucher in die heiligen Hallen des Theaters, an dessen Decke und Seitenwänden im Zuschauerraum viele kleine rote Lämpchen leuchten. Schummrige Stimmung,...
In einer charmant abgerockten Fabrikhalle in der szenigsten Gegend von Minsk sitzt ein nackter, rot bemalter Endvierziger und verspeist in hoher Frequenz gebratene Hühnerschenkel. Falls er den kleinen Geflügelberg, der sich da auf dem Tisch vor ihm auftürmt, tatsächlich aufessen wollte, hätte er ziemlich Menschenunmögliches vor.
Um eine Mission impossible scheint...
