Die wollen nur spielen
Willkommen im Land der Kälte. Eisblaue Styroporklötze stapeln sich in geordneter Unordnung bis an den begrenzten Horizont der Bühne des Weimarer Nationaltheaters. Aus der Wüste ragt ein überlanger Drehstuhl empor, der entfernt an den Schiedsrichtersitz eines Center Courts erinnert. Rechts daneben glaubt man, eine Bar zu erkennen. Der Iglu des Grauens, in dem sich Strindbergs Alptraumpaar Alice und Edgar gleich Saures geben werden, ist noch verwaist.
Doch halt.
Zwischen den Eisklötzen bewegt sich etwas: Eine in Dämmfolie gewickelte Wurst robbt um die Ecke, röchelt wie ein Folteropfer und verursacht in Reibung mit dem Styropor ein Quietschen, das selbst im Sommer Gänsehaut verursacht. Auch Alice und Edgar sind im Anmarsch. Zunächst ignorieren sie noch das winselnde Opfer. Die verhinderte Schauspielerin und der gescheiterte Hauptmann sind viel zu sehr damit beschäftigt, wie aufgezogene Puppen durch die Kühlaggregats-Landschaft zu trippeln, sich ungerührt anzutexten und mit jeder Pore zu signalisieren: Wir sind erstarrt in Routine.
Der «Totentanz», den Regisseurin Thirza Bruncken in Weimar entfesselt, kleckert nicht mit Metaphern, er klotzt. Und hechelt in den folgenden 90 Minuten die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Marcel Proust hat einmal staunend über ein Hotel geschrieben, es sei eingerichtet gewesen «wie ein Theater», und «zahlreiche Komparserie» hätte es belebt. Im Erlanger Theater liegt der Fall genau anders herum: Da sieht man auf der Bühne einen Logierbetrieb, die Gäste im Parkett wirken wie voyeuristische Statisten, vor denen ein paar wild zusammengewürfelte Menschen...
Medea als Migrantin gab es in dieser Saison schon des öfteren zu sehen. Aber wohl nie so deutlich wie jetzt in Stuttgart. Da schließt Volker Lösch in bewährter Chor-Aktualisierungs-Manier ein Restgerippe von Euripides’ Dramentext mit den Lebensberichten von 16 Stuttgarterinnen aus türkischen Familien kurz. Der Anlass laut Programmheft: Stuttgart ist nach Frankfurt...
Es war einmal die Schweiz. Die Schweiz ist ein sehr kleines Land. Seine Medienherde grast zum größten Teil in Zürich, auf engstem Raume. Geheimtipps sprechen sich dort schnell herum, so schnell wie in olympischen Dörfern. So kam es, dass eine junge Frau in den wichtigen Wochenmagazinen beschrieben und gepriesen und zur prominenten Dramatikerin erklärt wurde,...
