Die verspätete Nation
Eine gute Stunde bin ich jetzt in Weißrussland und fahre auf der Straße nach Minsk. Rechts geht es ab nach Moskau, genau 700 Kilometer, sagt das Verkehrsschild. Nicht viel weiter, gute 1.000 Kilometer, ist es nach Berlin. Trotzdem wird es nur noch ein paar Minuten dauern, bis ich das erste Mal deutlich spüre, wie fremd das Land ist, in dem ich gerade gelandet bin.
Darja zeigt aus dem Auto auf einen riesigen Glaswürfel, der schwer und plump auf einem dicken Ständer sitzt.
«Das ist unsere neue Nationalbibliothek, sie wurde zu einem der zehn hässlichsten Gebäude der Welt gewählt», sagt sie. Es ist in der Tat ein grotesker Bau, ein entschiedener Versuch, modern zu sein, der noch entschiedener verunglückt ist. Aber nicht das beschäftigt mich, sondern die Mischung aus Stolz und Selbstverachtung, mit der Darja es gesagt hatte: Schau her, so bescheuert sind wir! Aber, immerhin, so tauchen wir wenigstens auf in der Welt, wenn auch nur auf Hässlichkeitslisten!
Darja studiert in Minsk Wirtschaft, sie ist als eine der besten Dame-Spielerinnen Europas immer wieder im Ausland, gerade kommt sie aus den Niederlanden, und spricht, was hier sehr selten ist, Englisch. Trotzdem hat sie diese ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2014
Rubrik: Ausland, Seite 42
von Peter Michalzik:
Zurzeit schärfen die Atriden ihre Mordwaffen gern in gutnachbarlichen Wohnzimmern. Stefan Pucher hingegen kümmert sich in seiner Antiken-Variante «Elektra» am Deutschen Theater Berlin wenig um die Banalität der Familie an sich. Sein Interesse gilt eher den Niederungen der Familien-Soap: Wie viel «Denver-Clan» steckt in der Atriden-Dynastie? Welche pop- bzw....
Es ist schön, dass Markus Heinzelmann seine jahrelang in Jena geschärfte Lust an der hemmungslosen dramatischen Übertreibung nun wieder öfters auch an anderen Stadttheatern ausleben darf. Wolfram Lotz’ «Einige Nachrichten an das All» kommen da gerade recht, und Heinzelmann greift in die volle Absurditäten-Kiste, lässt es ohne Rücksicht auf Geschmacksverluste...
Huch, haben die sich verdruckt? «Christoph Schlingensief» steht in großen Lettern im Hof der Kunstwerke, und darunter nicht etwa seine Lebensdaten, sondern «1.12.13 – 19.1.14». Diese Ausstellung ist eben kein Grabstein, sondern der von Schlingensief zu Lebzeiten selbst mitinitiierte Versuch, das umfangreiche, abenteuerliche Werk des 2010 gestorbenen Regisseurs...
