Die Nerven liegen blank

Herbst in Dresden: Tilmann Köhler porträtiert die Generation Angst mit Tschechows «Drei Schwestern», Roger Vontobel erforscht Huxleys «Schöne neue Welt»

Theater heute - Logo

Ernsthafte aktionistische Gefahr bestand ja nie, wenn Irina Prosorowa zur Feier ihres 20. Geburtstages ihre Lebenspläne kundtat: «Das Haus verkaufen, mit allem hier Schluss machen, und nach Moskau.» Die Antriebsschwäche, mit der die Gelegenheitstelegrafistin und ihre Schwestern Olga und Mascha seit jeher in der Provinz-Immobilie des verstorbenen Vaters hocken bleiben, ist bekanntermaßen ihr ehernes Markenzeichen.

Gegen den elegischen Ton allerdings, den die Generalstöchter bei dieser Lebenszeitaussitzerei gern anschlagen, scheint sich in letzter Zeit vermehrt Widerspruch zu regen.

In René Polleschs «Drei-Schwestern»-Variation «House for Sale» an der Berliner Volksbühne empfiehlt Sophie Rois ihren Kolleginnen statt der hochfliegenden Moskau-Träume kurzerhand den Baseball-Schläger: «Das Haus verkaufen, mit allem hier Schluss machen – und einfach mal jemandem in die Fresse hauen!»

Der Keulen-Impuls

Diese erfrischend vitale Aggro-Note eignet auch Tilmann Köhlers Tschechow-Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden – wiewohl die Dinge hier eher subkutan, mithin komplexer liegen. Der Keulen-Impuls ist primär autoaggressiver Natur: Die Dresdner Generalstöchter zeigen sich (auch) von ihrer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2014
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Die Gehirne stürmen

Wenige Tage vor den Parlamentswahlen Ende Oktober wirkt Kiew weder von einem schwelenden Krieg im Osten noch von einem lautstarken Wahlkampf aufgewühlt. Es gibt natürlich Wahlplakate, und im Fernsehen reihen sich die Werbespots der Parteien. Aber dieser Platz, auf den die ganze Welt schaute und der im Grunde Europa verändert hat, ist leer und aufgeräumt. Auf dem...

Auch Shakespeare war mal New Writing

Seit das Londoner Globe Theatre 1997 von der Queen mit royalem Strahlen eröffnet wurde, hat man es als Touristenfalle, als Akademikerspielplatz, als den demokratischsten Theaterraum Englands und vieles mehr bezeichnet, doch bei einem sind sich alle einig: Jeder verbindet mit dem Globe Shakespeare, Shakespeare und nochmal Shakespeare. Der ist natürlich auch...

Faszination und Abscheu

Ein zuschauerfreundliches Theater war Frank Castorfs Sache noch nie. Als sich seine Romanadaption von Curzio Malapartes «Kaputt» nach fünfeinhalb Stunden dem Ende zuneigt, hat das schöne deutsche Wort «Sitzfleisch» einen unangenehm konkreten, ja makabren Beigeschmack erhalten. Auf ihm ist das Publikum Castorf und Malaparte zurück ins Europa des Zweiten Weltkriegs...