Die Gretchenfrage
Ich komme aus dem Urlaub, sie kommen aus dem Krieg. Sie haben ein Leben aufgegeben, um leben zu können. Einer der vielen Polizisten am Bahnsteig weist mir den Weg an den Flüchtlingen vorbei: «In den Mob wollen Sie nicht hineingeraten, glauben Sie mir!» Ich sehe keinen Mob. 500 erschöpfte Menschen, aussortiert nach Augenschein, befolgen geduldig wortlose Anweisungen in der Hoffnung, ihnen möge endlich etwas Besseres widerfahren als das, vor dem sie geflohen sind. Ihnen gegenüber Wartende, Gaffer und Reporter.
In gespenstischer Stille filmen die Wartenden mit ihren Handys die Wanderer, das Bild morpht zwischen Geleit und Deportation. Willkommensrufe und Jubelschilder bleiben nach 50.000 Ankömmlingen aus; die anfängliche Emphase ist einer klammen Ernsthaftigkeit gewichen. Es sind viele, zu viele. Die Stadt München kann die Registrierung nicht mehr bewältigen und kaum noch Schutzraum erschließen. Die Helfer schwitzen und strahlen, die persönlich abgegebenen Hilfsgüter stapeln sich, Mitbürger suchen das Gespräch auch in den Lagern, Facebook quietscht vor Engagement.
Deutschland will sich verantwortungsbewusst zeigen. Es ist sich nur nicht einig, wie und wem gegenüber. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2015
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Wiebke Puls
Es gibt wirklich großartige Momente. Zum Beispiel, wenn unverhofft in der Tiefe der Bühne ein auratisches Zimmer erscheint und dann in stiller Absurdität hinter dem Geschehen vorbeizieht. Oder wenn ausgerechnet der Universitätsprofessor Manfred Hild vom Forschungslabor Neurorobotik der Beuth Hochschule für Technik Robbie Williams «I just wanna feel» covert. Oder...
Dass ihm immer noch der Ruf des Regie-Berserkers vorauseilen würde, kann man nicht behaupten. Zu lange ist es her, dass er Opernliebhaber mit halbnackten Statistinnen auf Kühlerhauben erschrecken wollte. Inzwischen inszeniert Calixto Bieito wieder auf deutschen Schauspielbühnen, und da gelten ganz andere Regeln. Wer hier für Aufregung sorgen wollte, müsste sehr...
«3000 Euro» sind nicht die Welt, können aber – vor allem wenn sie fehlen – einen entscheidenden Unterschied machen. In seinem gleichnamigen Roman untersucht Thomas Melle mit unsentimentaler Genauigkeit, aber nicht ohne Empathie, was passiert, wenn eine Existenz ins Rutschen gerät. Anton wohnt vorübergehend in einem Übergangsheim, aber manchmal übernachtet er auch...
