Die Another Day
Was hätte aus dieser Cordelia, König Lears jüngster Tochter, nicht alles werden können! Aus einem seilhüpfenden, blonden Mädchen in Weiß, das mit einem hübschen Unschuldslächeln um eine Krone herumturnt, die wie ein Spielzeug in der Mitte der Riesenbühne des Wiener Burgtheaters ganz goldig daliegt – wie die Krone eines Märchenprinzen, von dem alle Mädchen wie sie träumen.
Aus diesem Fräulein Unschuld (Adine Vetter) wäre vielleicht, wenn im Hüpfseil nicht schon der Strick auf seine Chance gewartet hätte und hinter dem Krönchen der Abgrund der Macht, am Ende eine Prinzessin der Herzen geworden.
Aber dann nimmt der Schrecken der Wirklichkeit Gestalt an: Der Vater kommt, der König, der alte Lear, achtzig und drüber. Die zusammengerollte Landkarte seines Reichs benützt er wie einen Gehstock, und man sieht schon: «Der kann’s nicht lassen.» Wenn er sein Zepter abgegeben und sein Reich an seine Töchter verteilt hat, wird er einfach mit dem Stock weiterregieren, als Familien-tyrann.
In Luc Bondys Inszenierung, einer Koproduktion des Burgtheaters mit den Wiener Festwochen, spielt den alten König der amtierende König der Schauspieler: Gert Voss. Er hat alle Maskeraden abgelegt und ist jetzt der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Unter Elisabeth Schweeger ist das Frankfurter Schauspiel in den letzten Jahren ausgesprochen projektlustig geworden. Die Verpflichtung der französischen Choreografin und Theatermacherin Wanda Golonka als Hausregisseurin war dabei programmatisch, denn mit Golonka leistet sich Schweeger die konzertierte Abweichung. Normalen Spielbetrieb sucht man in ihren...
Irgendwo hat man den Mann schon einmal gesehen. Wahrscheinlich in einem dieser New-York-Filme, in dem der Chefredakteur in einer Kabine am Ende des Großraumbüros residiert. Dort sitzt er am Schreibtisch, das Hemd frisch gebügelt, den Knopf am Hals offen, darüber Hosenträger wie Larry King, und blickt seinem gegenüber hart-aber-herzlich in die Augen. Ehrliche...
Helmut Krausser ist ein Vielschreiber mit Furor und einer oft übersehenen sentimentalen Ader. In «Afrika» schildert er die Kunstszene als das kapitalistische Prinzip schlechthin: Künstler sind hier die Anschaffer, die Welt macht sie käuflich, und alle, fast alle, machen mit.
Im Mittelpunkt steht die zynische Lucy, Mitte 50, im Begriff, ihre Galerie an einem neuen...
