Die Ära Sicherheit
Ich schreibe aus Rache», bekennt die spanische Autorin, Regisseurin und Performerin Angélica Liddell. Aus Rache an ihrer Familie, dem Patriarchat, den Gewaltmechanismen der Gesellschaft. Medium dieser Rache sind Liddells inzwischen legendär gewordenen Hassmonologe, und ihre Waffe ist Liddells eigener Körper. Mit Impuls und Geschwindigkeit eines Maschinengewehrs exekutiert sie den Text auf der Bühne und schießt sämtliche stereotypen Vereinnahmungen des weiblichen Körpers über den Haufen.
Außerhalb Spaniens weitgehend unbemerkt blieb bislang dagegen ein spektakuläres Stück, das Liddell 2007 zur Uraufführung brachte: «Perro muerto en tintorería: los fuertes» – «Toter Hund in der Reinigung: die Starken». Grund des Vergessens: wiederum ein Hassmonolog, der das Stück eröffnet. Weniger eine Publikumsbeschimpfung denn eine Theaterbeschimpfung, eine Invektive gegen die Leitung des «Scheißnationaltheaters», an dem das Stück uraufgeführt wurde, traf er offenbar so ins Schwarze, dass die Direktion die künstlerisch überspitzte Botschaft als reale Attacke verstand und zur Strafe Gastspiele und weitere Vorstellungen weitgehend unterband. Es ist ein selbstbenannter «Akt der Koprolalie«, in dem ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 169
von Florian Borchmeyer
Es muss eine desillusionierende Erfahrung gewesen sein für die sieben Wichtigkeitsbeauftragten der deutschen Theaterkritik, als sie auf der Suche nach den bemerkenswertesten Inszenierungen auf die Probleme des schieren Überlebens stießen. Der Theatertreffen-Juror Bernd Noack hat im Maiheft dieser Zeitschrift beschrieben, wie er auf dem Weg in die Mittel- bis...
Die erste Entscheidung war die schwierigste: einem Stück den Titel «Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2» zu geben. Als die Uraufführung näherrückte, kamen Anrufe von Journalisten, auch aus dem Ausland. «Rechnen Sie mit einem Skandal?» – «Nö.» – «Aber das wird doch sicher Wellen schlagen, gibt es schon Gegenwind?» Antwort: «Nö.»
CNN hatte sich zum Filmen angemeldet,...
Sein erstes Jahr im Ensemble des Deutschen Theaters Berlin, an das er direkt nach der Schauspielschule kam, war schon mal nicht schlecht. Neben kleineren und mittelgroßen Rollen bei Stephan Kimmig (Marie in «Clavigo», Lempereur in «Unterwerfung») oder Christopher Rüping (Benvolio in «Romeo und Julia») hatte Marcel Kohler in Daniela Löffners Inszenierung «Väter und...
