Detmold: Im Nebel
Bittersüße Melancholie und traumgleich verschobene Wahrnehmung – der Titel von Henriette Dushes bereits 2011 entstandener «Bühnenelegie» (ausgezeichnet mit dem Grabbe-Preis und dem Lenz-Preis für Dramatik) setzt zweifellos poetische Assoziationen frei. «Drei Spielerinnen» und einen «Männerchor von drei Stimmen» führt Dushe in diesem «dichten Birkenwald» zusammen, um ihn allerdings alsbald von den Männern mit der Axt zerlegen zu lassen. Denn auch die Leben der sich hier Versammelnden sind allesamt zerborsten.
Bruchstückhaft berichten sie von Alltagssituationen, kleinen unspektakulären Momenten, in denen sich ihre «Existenz Stück für Stück aufzulösen begann».
Ein Mann erkennt plötzlich seine Kinder nicht mehr, ein anderer kann das Büro nicht mehr betreten, eine Frau erzählt von einer Beziehungskrise, die irgendwie mit einer Autofahrt und viel Übelkeit zu tun hatte. Manchmal klagt man auch in Kleingruppen: Die Frauen über das fehlende Geld («War immer alles zu knapp und viel zu wenig») und die Männer darüber, dass sie es nur bis zum Reihenhaus gebracht haben («das bleibt immer nur der Spatz, das ist ein Piepmatz, so ein Reihenhaus»). Trotz der Kunstfertigkeit, mit der Dushe die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2016
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Natalie Bloch
Was Heiner Müllers «Horatier» gerade heute zum Terrorismus zu sagen hat
Der namenlose Kämpfer stößt dem verwundeten Gegner, der am Boden liegt und «mit schwindender Stimme» um Schonung bittet, «sein Schwert in den Hals, daß das Blut auf die Erde» fällt, er wirft sich das blutige Schlachtkleid des Getöteten über die Schulter, steckt sich dessen Waffe in den Gürtel...
Familiendramen finden noch öfter in der Wirklichkeit statt als auf der Bühne. Aber auch der im 19. Jahrhundert entwickelte Dramentypus ist unverwüstlich. Jens Albinus, der dänische Filmschauspieler, Dramatiker und Regisseur, hat diese Tradition weitergeschrieben. In seinem neuen Stück scheinen die Grundrisse aller Vorgängermodelle durch. Aber er treibt die Analyse...
Ich bin auch nur ein Arschloch», outete sich Milo Rau unlängst in der Schweizer «Sonntagszeitung». Der Grund, in Kürze: Unser aller eurozentristische Betroffenheitskultur – vulgo: Mitleid – angesichts der weltpolitischen Lage verschiebe real zu führende Debatten in symbolische Entlastungsräume und mache uns somit zu «zynischen Humanisten».
Knackige, aber korrekte...
