Der Vater und seine Zeit

Jedes Warten hat seine Musik: bei Johan Simons’ Jelinek-Uraufführung «Winterreise» an den Münchner Kammerspielen und natürlich anders bei David Martons von Monteverdi inspirierter «Heimkehr des Odysseus»an der Berliner Schaubühne. von Diedrich Diederichsen

Theater heute - Logo

Blizzard-Maschinen blasen Stefan Hunstein auf die Bühne der Münchner Kammerspiele. Kaum lässt sich die Türe halten, mühse­lig schleppt er seinen schneeverkrusteten Rucksack auf die hölzernen Planken, die Johan Simons weit in den Zuschauerraum ragen lässt. Ein schein­bar schlafender Pianist am plastikverhüllten Kneipenklavier erwartet ihn. Sonst nichts. Der melancholische Wanderer ist auf Winterreise, und wie es sich für diesen Trip gehört, verzagt er an Lebens­lauf und Zeitlichkeit.

Doch als der einzig ungebrochen vitale Figurenspieler im Ensemble will er eine richtige Rolle aus der bloßen Funktion her­ausschlagen, die ihm in einer Jelinek-Inszenierung maximal zugedacht sein kann: nämlich nur eine mögliche Stimme zu verkörpern, einer Tagesform ein Gesicht zu geben, eine Facette des bloghaften, monologisierenden Schreibens von Elfriede Jelinek zu beleuchten.


    Ausreisen, rausfliegen, ausschließen

Mit überraschenden Besetzungsentscheidungen können zuweilen öde Identifikationsreflexe und Verkörperungslangeweile verhindert werden. Vielleicht hat Johan Simons deshalb dem wohl männlichsten Mann auf der Bühne den Text gegeben, der andernfalls am unmittelbarsten der Schriftstellerin ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Diedrich Diederichsen

Weitere Beiträge
Kurzschlüsse und Melancholie

Kinderlosigkeit führt heute zu allem Möglichen, zu weiblichen Karriereplänen, demographi­schen Debatten, künstlichen Befruchtungen, Leihmüttern, aber nicht zu Mord. Hauptmanns «Ratten» aktualisieren zu wollen, wäre absurd. Zur Gegenwart aber gehört die selbstreferentielle Struktur dieses Dramas: wie es sich auf sich selbst beziehen muss, wenn es über die...

Der Friederich, der Friederich

Wenn er dann Solveig trifft, die für den Rest des Stücks eine Weltreise lang auf ihn wartet, wird er gar zum Vergewaltiger. «Und höre nur, wie bös er war:/er peitschte, ach, sein Gretchen gar», möchte man mitfühlend murmeln, wenn der Frankfurter Peer Gynt über das arme Mädchen herfällt, ist im Moment aber noch gefangen vom Überwältigungstheater, mit dem der...

Mit dem Golfball durch die Wand

Die Wohnung sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. In der Wand klafft ein riesiges Loch, dahinter steht ein Mann mit Golfschläger. Vor der Wand seine Frau, einen Golfball im Mund. Sie: «Du spinnst wohl!» Er: «Das wollte ich nicht.» Blackout. Soweit in voller Länge die kürzeste jener 52 Szenen, aus denen Andrea Breths Minidramencollage «Zwischenfälle» im...