Kurzschlüsse und Melancholie
Kinderlosigkeit führt heute zu allem Möglichen, zu weiblichen Karriereplänen, demographischen Debatten, künstlichen Befruchtungen, Leihmüttern, aber nicht zu Mord. Hauptmanns «Ratten» aktualisieren zu wollen, wäre absurd. Zur Gegenwart aber gehört die selbstreferentielle Struktur dieses Dramas: wie es sich auf sich selbst beziehen muss, wenn es über die Gesellschaft reden will. Und das Beste an diesem monströsen Werk ist: dass es mit Humor und Selbstironie über sich spricht.
David Böschs Bochumer Inszenierung vergnügt sich und uns mit dieser humoristischen Seite, der Schauspielerkomödie. Der Abend beginnt damit, dass der Darsteller des zur Kunstreligion konvertierten Theologiestudenten Spitta (Matthias Eberle) vor den Vorhang tritt und erklärt, warum er Theater mache. Was folgt, ist nur ein Zitat von Max Reinhardt: «Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters.» Mit großer Geste erklärt er seinem Schauspiellehrer Hassenreuter (Manfred Böll) sein ästhetisches Programm: die Liste der Bochumer Intendanten seit Saladin Schmitt. Prompt rieselt der Kalk aus dem abbruchreifen Gemäuer. Den verheißungsvollen Satz «Das neue Theater muss …» beendet er nach drei Anläufen einfach mit einem ...
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Theater heute März 2011
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Gerhard Preusser
Wenn diese Zeilen erscheinen, sind sie hoffentlich schon veraltet. Wenn alles gutgeht, ist Mubarak dann abgetreten und meine ägyptischen Freunde sind wieder im Probenraum oder bereiten sich auf das nächste Gastspiel von «Radio Muezzin» – vor. Wenn alles falsch läuft, sitzen sie im Gefängnis oder sind tot, wie einige ihrer Freunde, und «Radio Muezzin» ist wieder...
Wie hieß es titelstiftend in dem großen Suhrkamp-Gedichtband, den Katharina Thalbach und Fritz J. Raddatz 2002, ein Jahr nach dem Tod von Thomas Brasch, aus seinem Nachlass herausgegeben haben? «Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer.» Filmemacher Christoph Rüter ist hindurch gegangen mit seinem Porträt «Brasch – Das Wünschen und das Fürchten», das soeben...
Als wir in alten Autos Mitte der achtziger Jahre aufbrachen, um das deutsche Stadttheater genauer kennenzulernen, machten wir Station an der berühmten Berliner Schaubühne und sahen drei Schmerzensweiber, die von Moskau träumten. Die Damen waren grandiose Schauspielerinnen, deren elegisches Spiel durch den gekonnten Singsang Sprache zur Arie formte, die weich aus...
