Der Künstler in den Augen des Wirtschaftsministeriums

Theater heute - Logo

In den verrammelten Laden im Erdgeschoss, der schon seit Jahren leer steht, sei endlich einer eingezogen, ein Künstler, behauptet der Nachbar, ein arbeitsloser Schreiner. Er werde ihm beim Renovieren helfen. Der heruntergekommene Laden solle Kunstatelier und Galerieraum werden.

Mein Freund, der Maler ist, zuckt, als er diese Wortkombination hört, zusammen, und das nicht, weil Arbeits- und Verkaufsraum in einem «Galerieatelier» beziehungsweise einer «Ateliergalerie» zusammenfallen, was zu einer reinen Verkaufsmalerei, andererseits aber auch zu einem Malereiverkauf führen kann, nein, mein Freund, der Maler ist, weil er malt und malen kann, zuckt ein wenig zusammen, weil er bereits eine kleine Staffelei durch das wieder offene Schaufenster erspäht hat, auf der eine ebenso kleine und, wie mein Freund behauptet, schrecklich dilettantische, völlig indiskutable Malerei steht, mit der er nichts zu tun haben will.

Der schlaksige Schreiner aber, den ich sonst oft so deprimiert und untätig durch die Gegend schlurfen sehe, Jutebeutel hin- und hertragend, freut sich. Er freut sich, weil er gebraucht wird, denn er schreinert gern, am liebsten in alternativen Zusammenhängen, und er freut sich, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2012
Rubrik: Das Theater mit der Kreativität, Seite 6
von Felicia Zeller

Weitere Beiträge
Leistungsfähig, aber lebensunfähig

Felicia Zellers neuer Text führt unmittelbar in den ganz normalen Wahnsinn der gegenwärtigen, immer schneller werdenden Arbeitswelt und beschreibt dabei bestimmte Formen von Normalität, wie sie sich in unserer modernen Gesellschaft zunehmend etablieren: Normal ist, dass man sich fast ausschließlich nach Menge und Qualität geleisteter Arbeit beurteilt. Normal ist,...

Raskolnikow im Putinland

Die Kinder der Perestroika sind Moltschanows Protagonisten. Junge Russen, die ein existenzielles Bedürfnis verspüren, ihre Gedanken und Gefühle einer Welt entgegenzuknallen, die täglich roher und zugleich komplexer wird, die ihnen mehr und mehr entgleitet und sie permanent überfordert. Als im März dieses Jahres Putin zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt wurde,...

Auffallend unauffallend

Schauspiel ist die Kunst des Moments, es soll hier und jetzt ent­stehen. Auch wenn eine Vorstellung schon 50 Mal gespielt wurde, soll es für das Publikum das erste Mal sein, dass der Schauspieler den Text spricht. Deswegen sage ich oft zu den Schauspielern: Spielt durch die Form hindurch, die Form soll dich nicht hemmen. Die Rückseite der Form soll klar, das Denken...