Auffallend unauffallend
Schauspiel ist die Kunst des Moments, es soll hier und jetzt entstehen. Auch wenn eine Vorstellung schon 50 Mal gespielt wurde, soll es für das Publikum das erste Mal sein, dass der Schauspieler den Text spricht. Deswegen sage ich oft zu den Schauspielern: Spielt durch die Form hindurch, die Form soll dich nicht hemmen. Die Rückseite der Form soll klar, das Denken soll sichtbar werden. Es ist ein zum Scheitern verdammtes Unternehmen. Aber genau darin zeigt sich Schauspiel als etwas Menschliches. Die Akzeptanz des Scheiterns ist für mich die Schauspielkunst.
Deswegen finde ich das deutsche Wort «proben» – auf Niederländisch «proberen», «versuchen», stimmiger als das französische «répéter», etwas «wiederholen».
Sandra Hüller arbeitet meiner Meinung nach im Sinne des Versuchs. Für sie gibt es für jede Wahl eine gegensätzliche Möglichkeit. Eine genaue Textbehandlung durchschneidet sie mit einem hohen und lauten Schrei, als würde der Nachbarkatze der Hals umgedreht. Das Publikum erschreckt sich zu Tode, der Regisseur ist der Schauspielerin dankbar. Was sie will: Ich will, dass Sie, verehrtes Publikum, auf der Kante Ihres Stuhls sitzen und dass Sie zuhören. Ich habe etwas zu erzählen, ...
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Theater heute Jahrbuch 2012
Rubrik: Die Spieler des Jahres, Seite 95
von Johan Simons
Aber die Erinnerung kommt nie von vorne auf einen zu – sie kommt seitlich um die Ecke. Allem, was ich sah und hörte, war ich gewissermaßen ausgeliefert. Anstatt dass ich die Gegend nach ihr abjagte, begann sie mich plötzlich in meiner Seele herumzujagen. Sie jagte mich!» Diese Sätze, ich las sie unlängst in einer Erzählung von Carson McCullers, ließen mich...
Mario Salazar, geboren 1980, hat beim Fußballspielen als Kind quasi auf die Berliner Mauer spucken können. Sein Vater ist vor Pinochet geflohen; was sein Halbbruder gerade in der Megacity Santiago de Chile macht, weiß er nicht. Er arbeitet als Barmann, und am liebsten bestellen die Berliner Miezen bei ihm den Cocktail «Latin Lover». Die Zeit als Holzfäller,...
Über nichts waren sich die Kritiker in diesem Jahr so einig wie über das Ausländische Stück des Jahres: «Three Kingdoms», Simon Stephens’ in enger Zusammenarbeit mit Sebastian Nübling entstandenes englisch-deutsch-estisches Drei-Länder-Stück zum europäischen Sexhandel mit Frauen. 18 Fans vereinte es in einem Boot, 6 mehr als das glatte Dutzend, das sich beim...
