Den Mund verbieten
Die Herren nehmen an der Rampe Aufstellung und machen Front: gegen die Konvention der Konversations-Komödie bis zur vollständigen Niederlage kommunikativen Handelns. Der Erlösung, die in Oscar Wildes «Bunbury» aus Jack Worthing doch noch einen Ernst macht und ihn – demaskiert – der Ehe zuführt, verbietet Thirza Bruncken gewissermaßen den Mund. Die Darsteller drücken die Hände vors Gesicht und bringen in dieser Selbstknebelung nur stammelnd Gepresstes hervor. Der Text erscheint oberhalb des Portals auf einem Laufband und trennt somit Sprecher und Sprache.
Letzter Akt der vollständigen Auflösung von Verstehen, Verständigung und Verstand. Die verbindliche Übereinkunft, sich miteinander sinnvoll auszutauschen, und sei es in Floskeln und der Form halber – den Common Sense vertritt snobistisch Lady Bracknell (Eva Spott) –, gerät am Gemeinschaftstheater Krefeld/Mönchengladbach außer Facon.
Es beginnt damit, dass die Identität von Jack (Cornelius Gebert) und seinem Freund Algernon (Paul Steinbach) um ihr Exklusivrecht gebracht wird. Sie haben sich um zwei weitere Anzugträger verdoppelt – gleich gekleidet in Schwarz, mit Melone und roter Krawatte – und damit entseelt, verdinglicht und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2012
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Andreas Wilink
Theater ist eine kollektive Kunst», befindet (und praktiziert) der Regisseur (und seit Herbst 2011 Intendant der Stuttgarter Staatsoper) Jossi Wieler. Und er sucht (und findet nicht immer) zusammen mit Dramaturgen, Bühnenbildnern, Dirigenten und Darstellern die gesellschaftliche und individuelle Wahrheit, Triftigkeit, die Gegenwärtigkeit der Bühnenvorgänge....
Die Wiener Festwochen sind das Superschwergewicht unter den Sommerfestivals im deutschsprachigen Raum: 30 Produktionen allein im Schauspielprogramm, darunter aufwändige Eigengewächse und internationale Großproduktionen, aber auch zahlreiche
Entdeckungen jenseits des Establishments.
Dagegen behauptet die Biennale Neue Stücke aus Europa in Wiesbaden und Mainz auch...
So etwas kann natürlich auch gehörig schief gehen. Wenn bei angestrengter Gutmenschlichkeit nur noch die pure Ambition zu erkennen ist. Wenn die Bühne zum Infostand wird und das gute Gewissen zum Regiekonzept. Wenn man Hilfsbereitschaft mit Folklore garniert und am Ende multikulturelle Friedens- und Freudentänze aufführt. Wenn man Schwarz-Weiß-Malerei betreibt und...
