Das Verschwinden der Ord
Dieser Woyzeck hätte eigentlich ein leichtes Spiel und könnte sich ohne große Not aus seiner Lage befreien. Alle, die ihm Böses wollen, sind nämlich nicht ganz richtig in der Birne: Der Doktor (Peter Reisser) ist ein Zwangsneurotiker und durchgeknallter Rationalist, dem die Wissenschaft und das Denken das Hirn verklebt haben; der Hauptmann (Sascha Römisch) eine ständig unter Strom stehende Obrigkeits-Marionette, der die pure Einfalt zu den Ohren, meist aber schwallend zum Maul herauskommt.
Zwei nur noch witzige Figuren, zwei abgetakelte Jahrmarkts-Attraktionen, für die man keinen Eintritt mehr bezahlen möchte: Bis zur Erschöpfung produzieren sie sich dennoch peinlich im Rampenlicht, traktieren ihre Filzhüte und die Geduld ihrer Mitmenschen, auf Schwachsinn-komm-raus zerstückeln sie ihre Sätze, pressen, kreischen und lallen Unverständliches und Wirres hervor. Und bestehen darauf, dass es klug ist.
Und mittendrin Woyzeck, mit großen, leeren Augen, der glotzt und kein Wort mehr kapiert. Unter seinen Schuhen knirschen die Erbsen, die er doch unaufhörlich in sich reinstopfen sollte, auf denen er ausgleitet. Es gibt keinen festen Boden mehr, ein einziger Sturz ist dieses kurze Leben, in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Links und rechts hängen, stehen und ticken sie: Wanduhren, Standuhren, Kuckucksuhren aus Holz, Metall, Plastik. Hier hat jemand nicht nur Omas Dachboden ausgeräumt, sondern auch gleich den ihrer Nachbarn und Bekannten. Agnes heißt die Frau, die sich auf kleinteilige Nachlassverwaltung spezialisiert hat. Gelangweilt von ihrem Leben mit Mann und Tochter in spießiger...
Peter Korach ist schon eine gute halbe Stunde im Jenseits, liegt hübsch aufgebahrt im Zentrum der bewegungsfreudigen Drehscheibe der Münchner Kammerspiele und hat schon manche bühnentechnische Karussellfahrt hinter sich. Da schüttet sein Vater Simon, ein prominenter Lokalpolitiker, der vielleicht gar nicht sein Vater ist, noch einen Bauchladen voll Platituden über...
Sechs Jahre ist es her, dass im Dezember 2000 der damals noch weitgehend unbekannte Michael Thalheimer am Hamburger Thalia Theater den denkwürdigen Anfang einer kleinen «Liliom»-Renaissance des 21. Jahrhunderts machte: Auf minutenlange Bewegungslosigkeit des hemdsärmeligen Protagonisten, die schließlich in einem seltsamen Schütteln der Arme, unwillkürlicher...
