Das Gleichgwicht
Kleine Lügen können die Lebensqualität entscheidend verbessern. Zum Beispiel Martina, Mitte 30. Nach dem Studium jobbt sie schon seit zweieinhalb Jahren in einem Zeitungskiosk, um die kleine Familie mit dem mäßig erfolgreichen Akademikergatten finanziell über Wasser zu halten. Erst als sie mit der Kassenabrechnung etwas kreativer umgeht, kann sie sich auch mal ihr Lieblingsparfum leisten und endlich im Biomarkt einkaufen. Oder Freja, in ihren 60ern. Dass sie der Kollegin nach deren Autounfall so selbstlos geholfen hat, war richtig nett.
Aber dass sie diese jüngere Kollegin, mit der sie ihr Arbeitgeber demnächst ersetzen wollte, selbst vors Auto geschubst hat, hat sie niemandem erzählt.
Manchmal helfen auch keine Lügen. Der nette, ordentliche Andrej hat Migrationshintergrund, Abitur und im Abendkolleg auch noch fleißig und erfolgreich Kurse für Marketing besucht. Weshalb ihm aber trotzdem keine Arbeit als Assistent der Geschäftsführung angeboten wird, sondern nach unzähligen erfolglosen Bewerbungen bestenfalls ein Job als Industriesanierer. Schließlich landet auch er im Zeitungskiosk. Martinas Mann wiederum hält sehr interessante Vorlesungen in Wirtschaftsgeschichte, aber als im ...
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Theater heute Oktober 2015
Rubrik: Aufführungen/Festivals, Seite 40
von Franz Wille
Auf die Idee muss man erst mal kommen: Bei 37 Grad Sommerhitze in Norwegerpulli und Fellmütze herumzurennen. Aber gut, wir sind in der Antarktis. Der junge Schauspieler und Regisseur Samuel Achache schickt ein sechsköpfiges Forschertrüppchen ins Polareis und hat ihnen dafür ein hübsch knirschendes Styropor-Schneefeld unter den Platanen des Cloître des Célestins...
Im zwölften Jahrhundert wurde die traurige Geschichte von Tristan und Isolde von Dichtern in Frankreich, England und Deutschland erzählt. Mit ihren Motiven wurden Pokale und Bücher bemalt, Holzkästchen und Elfenbeintafeln beschnitzt. Es war ein höfisches Märchen, das die ehebrecherischen Eskapaden mit interessierter Distanz betrachtete. Die Romantik entdeckte das...
Aufs Liebevollste wurde das Gutshaus von den Werkstätten mit Patina versehen. Das pittoresk heruntergekommene Landhaus von Zsolt Khell mit fleckigen Gardinen, altem Kinderspielzeug und 60er-Jahre-Sesseln ist nur noch ein Symbol vergangener Erinnerungen, zu groß, sperrig und uneffizient für die Gegenwart – und so staubig, dass fast der Niesreiz in die Nase steigt.
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