Bern: Glanz und Relevanz

Elmar Goerden «Der Sohn», Julia Haenni «frau verschwindet (versionen)»

Theater heute - Logo

Ein Handtuch von einem jungen Mann schleicht an die Rampe. Sein Dasein ist ihm selbst nicht ganz geheuer. Entsprechend meidet er die Mitte im breiten, leeren Raum der Berner Vidmarhallen. Das ist Elmar Goerdens «Sohn», Titelfigur im letzten Teil einer Trilogie, die lose an Homers Telemachos aus der «Odyssee» anknüpft und seit 2016 Stück für Stück am Theater Bern uraufgeführt worden ist. 

Der junge Mann steht eingangs am Rand, ganz links, ganz Fleisch gewordenes Fragezeichen, er füllt die Leere mit einem Monolog, 670 Worte lang, wie er uns am Ende mitteilt.

Er hat wohl mitgezählt. Warum, verrät er nicht, womöglich plagt ihn stille Sehnsucht nach ein wenig Exaktheit, nach ein wenig Empirie. Was er sagt, ist ja das Gegenteil. Pure Einbildung. Ein feuchter Teenagertraum, auf den Vater projiziert. Dieser Vater schwebt, im Zusammenfall der Zeitschichten Antike und Gegenwart, wie sie Elmar Goerden behauptet, heldisch wie Odysseus und unerreichbar wie ein Topmanager über den Dingen.

In der grotesken Vision des Sohns betteln folglich selbst Film- und Sportstars um die Gunst des Idols der Idole: Romy Schneider wimmert um ein letztes Rendezvous, Gabriela Sabatini lässt sich vom Vater «die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2019
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Stephan Reuter

Weitere Beiträge
Graz: Der? Die? Das?

Angeblich lesen die Leute deshalb weniger Romane als früher, weil sie lieber Serien schauen. Viele gehen aber auch ins Theater, wo sich das Adaptieren von dicken Büchern ungebrochener Beliebtheit erfreut; in Graz ist dafür der Regisseur Alexander Eisenach zuständig. Nach Clemens J. Setz’ «Frequenzen» (TH 6/16) und Thomas Manns «Zauberberg» (TH 3/18) hat er nun zur...

Alle unterm gleichen Vorhang

Sie – er – es ist einfach perfekt. Langbeinig, wallemähnig, sportlich schlank und stets lieb und zugewandt. Sie hat es von einer Sexpuppe zur einfühlsamen, durchaus kritischen Gesprächspartnerin gebracht. Wenn sie dabei zu sehr nervt, kann man die Kommentarfunktion abschalten. Peter Vogel hat sich das perfekte Liebespendant, seine «Echokammer», erschaffen und nennt...

Freie Szene: Von Molchen und Akazien

Es herrscht derzeit Einigkeit: Die Welt, sie muss gerettet werden! Doch wie kann das gehen, jenseits von einschlägigen Superhelden- und Hollywood-Fantasien? Auf der Suche nach Lösungen sind immer mehr auch Künstler*innen gefragt. «Unfuck My Future» forderte jetzt munter ein Festival, das die Saison am Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm eröffnete und im Untertitel...