Freie Szene: Von Molchen und Akazien
Es herrscht derzeit Einigkeit: Die Welt, sie muss gerettet werden! Doch wie kann das gehen, jenseits von einschlägigen Superhelden- und Hollywood-Fantasien? Auf der Suche nach Lösungen sind immer mehr auch Künstler*innen gefragt. «Unfuck My Future» forderte jetzt munter ein Festival, das die Saison am Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm eröffnete und im Untertitel fragte: «How to live Together in Europe»? Der sicher nicht Oxford-taugliche Terminus «to unfuck», klärt ein Online-Wörterbuch auf, bedeute, einen Fehler oder ein Problem zu korrigieren oder auszubessern.
Wie also das ausbessern, was noch gar nicht stattgefunden hat – die europäische Zukunft nämlich? Eine umfängliche Fragestellung für ein kaum minder umfängliches Programm aus Performances, Installationen, Gesprächen, Vorträgen und einem Stadtrundgang, kuratiert von der Dramaturgin Valerie Göhring und dem Intendanten Matthias Pees. Bei der ausgesprochen politischen Agenda war die Tendenz zum Ein-Thesen-Projekt nicht zu übersehen.
Erschlagende Faktenfülle
Da widmete sich die Performance «Auto-nomie» der Frankfurter Gruppe andpartnersincrime den Unabhängigkeitsbestrebungen Moldawiens wie Kataloniens – ein leider merkwürdig ...
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Theater heute November 2019
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Esther Boldt
Gewaltig und rein zugleich» – so empfindet Peter Handke das Gedicht «Annäherung an eine Person» von Gerlind Reinshagen, das in ihrem 2018 im Suhrkamp Verlag erschienen Gedichtband «Atem anhalten» abgedruckt ist. Kann diese Formel – gewaltig und rein zugleich – nicht gleichsam für das gesamte wundersam vielfältige Werk der Gerlind Reinshagen gelten? Die in...
Wie bremst man ein Stück aus, das noch nicht einmal ein bisschen Fahrt aufgenommen hat? Indem man es gar nicht richtig anfangen lässt. Pinar Karabulut jedenfalls entscheidet sich bei der Uraufführung von Mehdi Moradpours «Attentat oder Frische Blumen für Carl Ludwig» dafür, mit zehn Minuten rituellem Nichtstun zu beginnen. Vier Gestalten in goldglänzenden...
Es ist ein altbekanntes Phänomen und bleibt doch komplett grotesk: Das Opernpublikum bejubelt frenetisch jede einzelne Diva, jeden Tenor und Bariton, spendet Bravos für Dirigent und Orchester und schaltet abrupt in dem Moment um, an dem der böse Regisseur die Premierenbühne betritt. Aus dem offensichtlich eben noch kollektiven Hochgefühl wird Empörung, Hass, ein...
