Berlin: Der Mensch als Unmensch
Der erste Tabubruch kommt schon nach fünf Minuten. Sesede Terziyan stellt sich im Gorki Theater bei heller Saalbeleuchtung als Elizabeth Costello vor, eine literarische Figur des Schriftstellers J. M. Coetzee. Dieses weibliche Alter Ego des Autors referiert in dem nach ihr benannten Buch in acht «Lehrstücken» über grundlegende Themen des Lebens, darunter auch das gewalttätige Verhältnis der Menschen zu ihresgleichen, den anderen Tieren.
Im Gorki spricht Terziyans Elizabeth über ihre Identifikation mit Kafkas Menschenaffen Rotpeter, darüber, wie Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung stattfindendes Unrecht ausblenden können und landet beim Vergleich des Holocaust mit der industriellen Massentierhaltung.
«Verharmlosung des Holocaust», tadelten prompt einige Kritiker. Tatsächlich berühren Coetzee und damit auch Frljic ein hochproblematisches Feld der Ethik. Der Vergleich von Menschen mit Tieren erscheint geschmacklos, weil er der Abwertung von Menschen und der Relativierung eines Genozids zu dienen scheint. Dabei könnte man Coetzee auch umgekehrt verstehen: Was, wenn der Vergleich der Aufwertung, also der Würde der Tiere diente? Wären wir alle dann untätige, wegschauende Zeugen ...
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Theater heute April 2019
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Eva Behrendt
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