Berlin: Abbildung einer Verunsicherung
Fast jedes «man» in diesem Text könnte wahrscheinlich ein «Mann» sein. Denn auch wenn hier eine Frau schreibt, ist diese Theaterwelt immer noch eine oft sehr männliche Welt – und nicht nur die. Dessen sind sich Stefan Pucher und die Volksbühne sehr bewusst, wie schon an Ankündigung und Programmheft für die Inszenierung von Wedekinds «Lulu» zu erkennen ist. Selbstkritisch dreht sich da alles um Männer: «Ein Mann schreibt, andere Männer setzen das Drama auf Spielpläne, noch mehr Männer inszenieren ihre Fantasien.
» Einziger Unterschied zu früher: Diese Männer empfinden inzwischen ein Unbehagen dabei. #MeToo lässt grüßen.
Dass die Premiere auf den Männertag fällt, ließe sich als dementsprechend ironische Terminwahl werten. Vielleicht ist es aber auch nur Zufall. In jedem Fall will – so viel sei vorweggenommen – der Schluss der Inszenierung ganz symbolhaft die Befreiung des ewig Weiblichen und schickt die Titelfigur nicht ins Messer des Frauenmörders, sondern lässt sie zusammen mit der lesbischen Gräfin aus dem Theater und per voraufgezeichnetem Video in die Berliner Nacht fliehen. Vorher haben sie die verschiedenen Herren des Abends per Theaterpistolenknall zur Strecke gebracht.
S ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2019
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Kristin Becker
Wen schert das schon ich kann das nicht mehr hören dieses Geraunze satzloses Murmeln Syntax dahin ADE!» Es dauert nicht lange, da beschwert sich Agata schon über den Text, den die Autorin Eleonore Khuen-Belasi für sie und ihre Mitstreiterinnen geschrieben hat. Agata, Aurelia und Teresa sind, tja, Figuren wäre schon übertrieben, vielleicht drei Gewächse Marke Golden...
Zuletzt schieden sich noch einmal die Geister, und dem scheidenden Intendanten widerfuhr die unverhoffte Ehre, von einem erregten Junggroßkritiker einer westdeutschen Tageszeitung abgekanzelt zu werden wie ein Schuldirektor, der seine Aufsichtspflicht verletzt hat. Der Grund: Martin Kušej hatte für die letzte Inszenierung seiner achtjährigen Intendanz am Münchner...
Es ist Selfie-Zeit im toxischen Museumsshop hinter der Bühne. Der Zuschauer, Sektglas in der Hand, kann entscheiden: Will er vor der Fotowand als vietnamesischer Zivilist posieren, der gerade vom Polizeichef erschossen wird? Oder in einer niedlichen Schneekugel echten syrischen Trümmerregen mit nach Hause nehmen? Den «kraftvollen» Marschflugkörper in...
