Armut für alle
Die Bässe gehen in die Eingeweide. Minutenlang wird das gepflegte Abonnenten-Publikum in den Bad Godesberger Kammerspielen von härtestem Techno bedröhnt. Ihr Urheber, der Berliner Rapper Volkan T., spielt als Hausmeister Quaquaro mit: ein muskelgepumptes, volltätowiertes deutsch-türkisches Gesamtkunstwerk in Silber-Ganzkörperanzug mit sonnengelbem Höschen und Glatzenstirnband, das sich auch mal über strukturellen Rassismus beschwert.
Lukas Langhoff hat das intellektuell unterwanderte Prekariats-Personal aus Gerhart Hauptmanns «Ratten» vor dem Eisernen Vorhang aufgestellt, weiße Pfeile bezeichnen die Figuren mit Namen. Damit hier keiner durcheinander kommt, wenn alle den gleichen Satz sprechen, der eigentlich zum schwangeren polnischen Dienstmädchen Paulina Piperkarcka gehört, die bei Anastasis Gubareva eher auf Russenschlampe macht: «Ich spring’ in Landwehrkanal und ersaufe.»
Lebensperspektive hat hier keiner mehr im sozialen Wohnungsbau der Gegenwart, Unterschiede werden ab der Armutsgrenze nicht mehr gemacht. Auch die Bühne ist nicht in zwei Ebenen aufgeteilt, wie sonst meist bei «Ratten»-Inszenierungen; das dürre Stahlgerüst ist für alle da. Das artifizielle Berlinerisch der ...
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Theater heute Juni 2013
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Dorothea Marcus
Es atmet. Wie eine Gänsehaut über den Rücken, so kriecht das leicht verstärkte Atemgeräusch der sechs Performerinnen in Young Jean Lees «Untitled Feminist Show» hinterrücks in die Ohren. Erst hört man sie nur, dann sieht man sie auch: Zu beiden Seiten der Tribüne schreiten die Frauen langsam auf die weiße Bühne des HAU 2 hinab und sind – nackt. Nicht nackt im...
Die Welt ist entfaltetes Leid.» Diesen Satz, den Michel Houellebecq 1991 in sein poetisches Manifest «Lebendig bleiben» schrieb, hätte Anton Tschechow hundert Jahre früher sicher unterschreiben können. So unterschiedlich sich das Leiden im Russland Ende des vorvorigen Jahrhunderts und im heutigen Frankreich auch entfaltet – Leerlauf und Einsamkeit umhüllen...
So einen Theatervorhang hat das Akademietheater wahrscheinlich noch nie gesehen: Der rote Samt ist über und über mit Dreck verschmiert. Das gilt aber auch für das Kostüm von Salome Pockerl, der rothaarigen Gänsemagd aus Johann Nestroys Posse «Der Talisman» (1840). Eigentlich ist die ganze Bühne (Patrick Bannwart) total versaut, und die Umgangsformen sind auch nicht...
