Am deutschen Mittagstisch
Im Grunde schreibt Elfriede Jelinek schon lange keine Stücke mehr. Sie stellt Textblöcke zur Verfügung, aus denen bei entsprechender Behandlung Theater werden kann. Sie sind dabei nicht zimperlich, diese Texte, im Gegenteil, sie wollen hart rangenommen werden.
Dafür sind sie aber auch zu allem bereit und gänzlich uneitel, wenn es darum geht, sich offensiv benutzen zu lassen, weshalb es auch keine Schrulle, sondern nur nachvollziehbar und konsequent ist – eine Geste höchster Hingabe bei maximaler Selbstbehauptung sozusagen –, dass Jelinek ihr jüngstes, Schiller und RAF kurzschließendes Königinnendrama «Ulrike Maria Stuart» diesmal gar nicht zur Veröffentlichung freigegeben hat. Es soll Theater werden und sonst gar nichts – was man von Nicolas Stemanns virtuos auf allen Registern schmerzhafter Peinlichkeit spielenden Uraufführung am Hamburger Thalia Theater mit ihrem grellbunten Formate-Mix von Trash-Comedy über Blockflötenkonzert und Historien-Blockbuster «Der Untergang 2» bis zu Terror-Revue und Farbbeutelschlacht durchaus behaupten kann.
Bei der mit Spannung erwarteten Zweitinszenierung des explosiven Sprachgemischs durch Jossi Wieler an den Münchner Kammerspielen hat die Zündung ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Was für eine einzigartige Madonnenfresse sie hat, diese riesigen Glotzeaugen, der weit oben auf den Schädel verschobene Haaransatz, dieser leichenbleiche Teint: Die Schauspielerin Brigitte Hobmeier, Liebling des Münchner Theaterpublikums, ist (wie nicht wenige herausragende Darstellungskünstler) ein Monster, eine Zumutung, eine mitunter nur schwer erträgliche...
Das Theater und die katholische Kirche haben vieles gemeinsam. Beide Institutionen versprechen moralischen Beistand und seelische Reinigung, beide haben trotzdem mit Publikumsschwund zu kämpfen. Während die Kirche dem aufgeklärten Bürger zu dogmatisch ist, verhält es sich mit dem Theater genau umgekehrt: Das «Anything Goes» der zeitgenössischen Bühnensprache wird...
Was ist bemerkenswert? Neben all dem wunderbar gespielten und intelligent durchdachten Großstadttheater, das die Theatertreffen-Auswahl wie jedes Jahr beherrscht, sollte man auch bemerken, dass das deutsche Stadttheater gelegentlich ein paar Anstrengungen unternimmt, um aus seinem Lieblingsbereich, dem intellektuell aufgeschlossenen Spätbürgertum, auszubrechen und...
