Die Grenzen der Polis
Kaum ein Thema ist geeigneter, das Recycling als grundlegende Geste der Kultur und zumal des Theaters zu erläutern, als die hartnäckige Wiederkehr der gleichen Stoffe. Shakespeare hat kaum einen seiner zahlreichen Stoffe erfunden. Die Lektüre eines modernen Schauspielführers kann wie das Durchblättern eines mythologischen Lexikons wirken. Reécriture, Zitat, ist das Gesetz der Kultur. Besonders das Theater wiederholt, zitiert, kopiert, oft zwischen Pastiche und Parodie changierend, vorgegebene Themen, Stoffe, Figuren, ganze narrative Verläufe.
Bert Brecht hat mit dem Modellbuch der Inszenierung seiner «Antigone»-Version dem Gedanken der produktiven Qualität des Kopierens einen weiteren Akzent verliehen. Sprachlich basiert Brechts Bearbeitung der Sophokleischen Tragödie auf der Übersetzung durch Hölderlin. In ungewöhnlicher Bescheidenheit wählte Brecht den Titel «Die Antigone des Sophokles nach der Hölderlinschen Übertragung für die Bühne bearbeitet von Bertolt Brecht». Stofflich stellt Brechts Bearbeitung freilich eine radikale Umdeutung der antiken Fabel dar.
«Antigone» ist bei Brecht ein Spiel über den Hitlerfaschismus. Kreon wird mit «Mein Führer» tituliert. Er will wie ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen, Seite 36
von Hans-Thies Lehmann
Wahrheit und Freiheit unterhalten im aufgeklärten Europa ein höchst verzwicktes Verhältnis. Doch Hakan Denktas, Protagonist in «Kuffar. Die Gottesleugner», kennt den Ausweg aus den Beunruhigungen der Moderne: Er stellt sie still, indem er sie als einfachen Gegensatz begreift. «Ihr sucht die Freiheit. Ich suche die Wahrheit.» Präziser lässt sich die Attraktivität...
Am 1. Mai 2014 starb Margot durch begleiteten Freitod in Basel. Wir, das Theaterkollektiv Markus & Markus, begleiteten sie bis zuletzt und standen auch dort mit unserer Kamera neben ihr, die uns wenige Wochen zuvor in ihrer Heimatstadt all ihren Bekannten als ihre Enkel vorgestellt hatte – und die sich soeben suizidiert hatte. Die Polizei traf ein, und es dauerte...
Ich schreibe aus Rache», bekennt die spanische Autorin, Regisseurin und Performerin Angélica Liddell. Aus Rache an ihrer Familie, dem Patriarchat, den Gewaltmechanismen der Gesellschaft. Medium dieser Rache sind Liddells inzwischen legendär gewordenen Hassmonologe, und ihre Waffe ist Liddells eigener Körper. Mit Impuls und Geschwindigkeit eines Maschinengewehrs...
