Exposé der bürgerlichen Heucheleien
«Ich bin klein
mein Herz ist rein.
Soll niemand drin wohnen
Als Jesus allein.»
Wie viele Kinder müssen dieses Gebet vor dem Schlafengehen aufsagen? Es ist ein Ritual, und als solches schadet es nicht. Man spricht es, weil die Eltern es verlangen. Und irgendwann will man es vielleicht selber auch sprechen, weil man es nicht anders kennt. Die Rebellion setzt erst später ein.
Und mit ihr das Hinterfragen: Was soll das sein – ein reines Herz? Warum darf ich nicht selbst bestimmen, an wen ich mein Herz untervermiete? Um wessen Willen spreche ich diese Verse eigentlich? Fragen, die man sich als Kind vielleicht stellte und nicht auszusprechen wagte. Sicher war oft nur: Man sprach das Gebet für die Eltern. Ihr Gewissen schien dann beruhigt. Sie fühlten sich sauber, waren stolz und sahen sich in ihrer Erziehung bestätigt. Die Ordnungsprinzipien funktionierten und wurden durch jenes allabendliche Gebet manifestiert. Was aber, wenn unter der süßlichen Patina dieser harmlosen Verse der unbedingte Wille der Eltern nach blindem Gehorsam ihrer Zöglinge lag?
Wenn Martin Heckmanns sein neues Stück «Mein Herz ist rein» betitelt, ist das sicher mehrdeutig zu verstehen. In seiner Komödie geht es um ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 162
von Julia Weinreich
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