Ein Imperium zerfällt
Der 1958 im belgischen Sint-Niclaas geborene Autor Tom Lanoye hat bereits mehrfach unter Beweis gestellt, wie gekonnt er alte Stoffe bearbeitet und neuschreibt. Bei «Mamma Medea» und «Atropa» waren es die Dramen des Euripides und Aischylos, in «Hamlet versus Hamlet», seinem Opus magnum «Schlachten!» und jetzt «Königin Lear» die großen Königsdramen Shakespeares, denen er mit seinen Adaptionen oft eine neue und eigene Sichtweise eingeschrieben hat.
Seine wichtigsten Mittel sind dabei die Fokussierung auf den zentralen Konflikt sowie die sprachliche und szenische Aktualisierung, die bis zur kompletten Transformation der Geschichte in die Gegenwart reichen kann – wie jetzt in «Königin Lear».
Tom Lanoyes Hauptfigur Elisabeth Lear ist folgerichtig auch keine Monarchin mehr, sondern ihr modernes Äquivalent: Sie ist die Chefin eines global agierenden Großkonzerns. Gegründet von ihrem Großvater als kleines Familienunternehmen, haben erst ihr Vater und schließlich sie selbst die Firma an die weltweite Spitze geführt. Um sich in der männlich dominierten Finanzwelt nicht nur als ebenbürtige Geschäftspartnerin, sondern auch als respekteinflößende Führungskraft über Jahrzehnte hinweg behaupten ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 167
von Sibylle Baschung
... ist in diesem Jahr eine letzte Ehrung: Mit 8 der 43 Stimmen, die dieses Jahr zu vergeben waren, wurde der vor einem Jahr überraschend verstorbene Bert Neumann posthum mit seiner Volksbühnen-Versiegelung, die wie ein Abschied wirkte, zum vierten Mal seit 2001 Bühnenbildner des Jahres. Der lange Abschied der Castorf-Volksbühne, die 2017 Chris Dercon übernehmen...
Wo liegen die Grenzen der Kunst? Gibt es überhaupt etwas «außerhalb» von Kunst? Kunst ist frei. Ist sie vielleicht so frei, dass keine Definition sie erwischen kann? Um darüber nachzudenken, wann Kunst sich nicht mehr Kunst nennen darf, wäre ja vorerst tatsächlich zu klären: Was ist denn Kunst? Ich muss an meinen Patenonkel denken, der auf die Frage: «Was ist...
Europa wahrhaftig zu verteidigen bedeutet, die Idee von Europa zu schützen und eben nicht die Grenzen. Konstantin Küsperts Stück kann als ein leidenschaftliches Plädoyer für ein (europäisches) Engagement gelesen werden. Was macht Europa aus, fragt das Stück, sind es die Werte der Aufklärung, die Werte von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Oder ist Europa nur...
