Die ganz normale Katastrophe
Ja, es ist verrückt, wie schnell alles Vergangenheit wird», meint der «Finanzexperte» in der Radio-Talkrunde, bei der man schon langenicht mehr weiß, ob es um den jüngsten Jahrhundertsturm oder die letzte Jahrtausendflut geht, ob gerade ein pazifischer Wirbelsturm die Südstaaten umpflügt, ein osteuropäisches Atomkraftwerk die nächstgelegene Millionenstadt grillt oder eine winterliche Bundesautobahn 48 Stunden lang eingefroren ist. Die Moderatorensätze sind längst austauschbar geworden und die Hörerbeiträge nicht minder.
Das große Katastrophenrauschen hat seine eingespielten Rituale entwickelt. Sie fangen bei den Krisenstäben an, schalten sich von den Evakuierungsplänen zu aufgeregt ahnungslosen Vor-Ort-Korrespondenten und den unverzichtbaren Experten, die etwas Fachwissen ins Feuer gießen, und kommt spätestens nach der übernächsten Schaltpause bei der zerknirschten Medien-Selbstkritik an, zu der ein unbekannter Kulturwissenschaftler auch noch Wesentliches beisteuert. Zurück zur Technikerin im Studio: «Ja, am Ende steht doch immer irgendwo ein Grüppchen Angehöriger herum und konserviert Erinnerungen, die doch niemand brauchen kann.»
Kathrin Röggla greift in «worst case» (der ...
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Christoph Schlingensief kommt nach wie vor gern auf die Bühne. Vor der dritten Aufführung des «Zwischenstands der Dinge» hält er vor den rund 70 Zuschauern, die in das kleine Gorki Studio passen, eine schnelle, atemlose Ansprache. Er berichtet von «einem neuen Zwischenstand», der «scheiße» aussähe, philosophiert über Kritiker, die verwirrt konstatiert haben, dass...
Denn erstens schaut der entstandene Film dem Stadttheater in schönen, blaustichigen Bildern bei der Probenarbeit zu. Er folgt der Autorin zu ihren Gesprächen und der Regisseurin nach Hause ins Wohnimmer, lässt Schauspieler ihr Handwerk zeigen, mitreden und privat zu Wort kommen, dokumentiert Krisen zwischen Regie und zweifelndem Ensemble. Zweitens entsteht wie...
Hier gibt’s keine Revolution. Als Lessing seine «Emilia Galotti» schrieb, überlegte er noch, ob er die Tötung der Tochter durch den Vater in einen Volksaufstand münden lassen sollte; der antike Historiker Livius hatte es so aufgeschrieben. Erst wollte Lessing die Politik ganz draußen lassen, dann schlich sie sich doch ins Stück hinein: Der Vater rettet die Ehre...
