Zu Tode gepflegt

Cesare Lievi «Fremde im Haus»

Theater heute - Logo

Wenn das kein Thema für eine sozialkritische Komödie mit Potenzial für bitterböse Pointen ist: Pflegenotstand in Westeuropa und Personal aus dem wilden Osten, das die Lücken füllt. Da könnten Interessen aufeinanderprallen, Kulturen clashen und die Fetzen fliegen. Und so viel muss man Cesare Lievi lassen: Er hat einen aktuellen Brennpunkt gefunden, der auf dem Theater noch ziemlich unverbraucht ist. Und was den Deutschen ihre polnische Pflegekraft ist, ist den Italienern die ukrainische «badante».

Im Original heißt Lievis Stück dementsprechend auch «La Badante», in Wiesbaden hat man daraus «Fremde im Haus» gemacht. Das lässt offen, wie viele Eindringlinge im ehemals großbürgerlichen Haushalt einer alten Dame ihr Unwesen treiben. Immerhin gibt es da zwei Söhne, von denen einer meist abwesend ist, die ungeliebte deutschstämmige Schwiegertochter und eben die Ukrainerin Ludmilla, die gerne mal russische Popmusik hört und selbstverständlich nur gebrochen die Sprache ihrer Hausherrin spricht.

Die betagte Dame ist natürlich keine freund­liche Oma, sondern eine garstige alte Person, die eine beginnende Demenz und einen ausgeprägten Hang zur Menschenfeindlichkeit pflegt, der gerechterweise ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2007
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Kristin Becker

Vergriffen
Weitere Beiträge
Das kleine Machtgefühl

Warum wird dieses Thema derzeit völlig ignoriert?», fragte Harald Schmidt auf den Brettern des Stuttgarter Schauspiels und meinte den Deutschen Herbst. Selten war Ironie so am Platz. Das ganze 30. Jubiläumsjahr hindurch war schließlich dokumentiert, getalkt, gestritten und erinnert worden. Der Bundespräsident hatte nach langen Debatten und konspirativen Treffen das...

Eine teuflische Angelegenheit

Seinen «Parsifal» hat er ihn genannt: Thomas Manns Verhältnis zu seinem Roman «Doktor Faustus» war schon während des Schreibens hochemotional. Ein Erlösungswerk sollte es für den Künstler und dessen Leser sein, die Summe eines Lebenswerks, vielleicht gar ein letztes Wort, überpersönlich und zugleich sehr privat, ja intim. Die imaginierte Lebensgeschichte des...

Traumaturgen-Dämmerung

Ein klares Wort zu Beginn: «Das deutsche Theater ist das beste Theater der Welt», sagte Tom Stromberg und meinte es nicht ironisch. Der ehemalige Intendant des Frankfurter TAT und des Hamburger Schauspielhauses, der aktuell das «Impulse»-Festival in Nordrhein-Westfalen leitet, traf damit zwar nicht den Nerv der Sache, aber durchaus einen wunden Punkt. Vier Tage...