Weiß und schwarz
Wer zuhause eine Hölderlin-Ausgabe im Regal stehen hat, lebt gefährlich. Könnte passieren, dass plötzlich ein gutes Dutzend Ordnungshüter im schweren Antiterror-Outfit durch die Haustür drängeln, Nebelgranaten werfen, Maschinenpistolen schwenken und dann die Einrichtung mit viel Liebe zum Detail in Kleinholz verwandeln. Nach zehn Minuten ist das elegante Apartment zerlegt, und die Bühnentechnik braucht die nächste halbe Stunde, bis der teure Schrotthaufen abgeräumt ist.
So geschehen jüngst in der Schaubühne, wo Romeo Castellucci Hölderlins «Hyperion» auf der Eintrittskarte als «Briefe eines Terroristen» bezeichnet und zur Bestätigung die schweren Jungs vom Rollkommando anrücken lässt.
Dabei gibt es nichts Harmloseres als «Hyperion», Hölderlins schwärmerischen Briefroman, in dem sich der schwäbische Hauslehrer in höchsten Tönen in ein idealisiertes Griechenland träumt, wo er eine neue Mythologie aus Naturschönheit und Kunstreligion herbeiraunt: eine ideengeschichtlich skurrile Mischung aus altfränkischem Pietismus, frühromantischer Griechenliebe und spinozistischem Pantheismus.
Davon kann sich jeder überzeugen, der nach der frühen Pause in den Saal zurückkehrt. Der Raum ist ...
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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Aufführungen, Seite 9
von Franz Wille
Sie knistert verheißungsvoll bei jeder Berührung, braucht Raum – mindestens einen Sitzplatz in der U-Bahn, besser noch eine Ecke im Café –, um sich genüsslich aufzublättern und verströmt das unvergleichliche Aroma von frischem Papier, Druckerschwärze und gut gewürzter Geistesnahrung. Bei den Kindern der Post-Gutenberg-Ära könnte eine derartige Beschreibung bald nur...
Ein Stück für Musik, nicht mit Musik, nennt sich Händl Klaus’ neuestes Werk «Gabe/Gift». Ein Stück für Sprachmusik. Händl Klaus, der Spezialist für das absichtsvoll Unheimliche unter den gegenwärtigen deutschen Theaterautoren, ist auch ein Sprachtüftler. Er erfindet eine Familiensprache – kein Dialog, ein gemeinsamer Monolog mit verteilten Silben. Eine Replik ist...
Am Schluss steht Galilei mit geröteten Augen, geschlagen, apathisch. Für die große Selbstanklage, die Brecht dem Sternenforscher, der vor der Inquisition einknickte, in der letzten Fassung des «Leben des Galilei» beigelegt hat, reicht es nicht mehr. Stattdessen schöpft Galilei sein persönliches Bekenntnis aus jener Szene, in der er den kleinen Mönch zur Astronomie...
