Auch das ist Brasilien: Spielen unter Druck

Augusto Boal – ein Lehrer in drei Büchern

Theater heute - Logo

Buenos Aires, in einem Opernfoyer vor der Aufführung von «La Traviata»: Ein junger Mann bricht zusammen, ein Arzt leistet Erste Hilfe und stellt die Diagnose «chronische Unterernährung». Unter den Umstehenden entzündet sich eine Diskussion darüber, ob man den Wert der Eintrittskarte für diesen Nicht-Privilegierten spenden sollte und über mangelnde Solidarität überhaupt.

Dann löst sich diese Szene von Augusto Boals «unsichtbarem Theater» wieder auf: Ein paar Leute sind davon berührt oder sogar erschüttert, die Akteure ziehen sich als Hun­gernder, Arzt und Diskutanten zurück – ihr Spiel darf als solches ja gar nicht erkannt werden.

Henry Thorau, Professor für Brasilianische und Portugiesische Kulturwissenschaft und mit vielen Veröffentlichungen und Übersetzungen sozusagen der Apostel Boals in Deutschland, lässt mit dieser Szene seine sehr lesenswerte Studie beginnen. Mehr noch, er bezieht sie auf eine ähnli­che Aktion von Béla Balázs’ kommunistischer Agit­propgruppe im Berlin der Weimarer Republik. Aufklärung durch Subversion, das Inszenierte dabei verbergen und den Zuschauer nicht wissen lassen, dass er ein Beteiligter ist. Am ehesten käme man noch auf manche Aktion Schlingensiefs, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2014
Rubrik: Magazin, Seite 63
von Thomas Irmer

Weitere Beiträge
Sweatshop Stadttheater

Vier Studenten machen einen Ausflug. Per Regionalzug geht es nach Dresden, weiter per Mietwagen in die Lausitz. Ins Wolfsrevier. In die versehrte Landschaft. Ins Herz der Finster­nis. «Steppengesänge» von Adele Dittrich Frydetzki, Kristina Dreit, Marten Flegel und Anna Froelicher ist ein vielfach geloopter Reisebericht, der bei jeder neuen Umdrehung ein Stück...

Alles Tand

Am Bremer Landgericht hängt seit 1890 ein Glasmosaik, auf dem die Zehn Gebote verzeichnet sind. Angeblich hätten die Nationalsozialisten von den Bürgern verlangt, dieses Symbol eines Primats göttlicher vor weltlicher Macht zu zerstören, die Bremer aber hätten die Tafeln einfach mit Steinplatten verhängt und die Zer­störung nur behauptet. Ob an der Geschichte was...

Der Menschensucher

Der Mann, ein König, ein Tyrann, stürmt aus der Tiefe des Raums im wehenden Mantel, als wolle er alle Welt gleich überrennen. Schon ist er nah, da fährt ein unsichtbarer Blitz ihm in die Glieder, und mit dem Mann scheint auch die ganze Welt für einen Augenblick stillzustehen. Der Mann im Innehalten sagt kein Wort, nur fällt in dieser langen, kurzen Weltsekunde sein...