Alles Tand

Das Bremer Theater auf gottloser Sinnsuche mit Dusan David Parizeks Version der «Zehn Gebote» und Alexander Giesches Bühnen-Installation «Lost»

Theater heute - Logo

Am Bremer Landgericht hängt seit 1890 ein Glasmosaik, auf dem die Zehn Gebote verzeichnet sind. Angeblich hätten die Nationalsozialisten von den Bürgern verlangt, dieses Symbol eines Primats göttlicher vor weltlicher Macht zu zerstören, die Bremer aber hätten die Tafeln einfach mit Steinplatten verhängt und die Zer­störung nur behauptet. Ob an der Geschichte was dran ist? Jedenfalls zeigt sie, dass die Zehn Gebote für die Hansestadt eine gewisse Bedeutung haben.

So viel Bedeutung, dass Johann Kresnik am Bremer Theater schon vor Jahren eine szenische Bearbeitung des zentralen christlichen Regelwerks in Angriff nahm. Sehr sinnlich geriet ihm das Stück damals, sehr barock, sehr katholisch sowie wegen umfassend ze­lebrierter nackter Haut auch sehr skandalträchtig.

Zehn Gebote, religionsfrei

Einen Skandal dürfte Dusan David Parizeks Annäherung an den Stoff im Theater am Goetheplatz weniger hervorrufen: Der Ex-Intendant des Prager Kammertheaters bezieht sich auf Krzysztof Kieslowskis und Krzysztof Piesiewicz’ Fernsehreihe «Dekalog» aus dem Jahr 1988, und er verzichtet auf alles, was von der philosophischen Auseinandersetzung mit dem Thema ablenken könnte. Christlich gesprochen: szenische ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2014
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Dicke Kette, dicke Hose

Schon nach ein paar Minuten rinnt der Schweiß. Auf weißer und schwarzer Haut. Eben noch hat sich Franck Edmond Yao auf dem Boden gewunden, denn auf ihm thronte Hauke Heumann. Nun ist es umgekehrt: Platt liegt der weiße Doppelkinnträger auf dem Bauch und keucht unter dem muskulösen Schwarzen, der lässig in den Knien wippt: «Ich lass doch das Problem nicht...

Am eigenen Abgrund

Am Schluss von «Dämonen 2014» explodiert noch einmal das Bürogebäude des Ministerpräsidenten im norwegischen Regierungsviertel – jenes Haus, das bei Anders Behring Breiviks Terroranschlag 2011 vollständig zerstört wurde und nur wenige Minuten Fußweg vom Nationalteatret entfernt ist. Die Inszenierung, die im Februar 2014 Premiere hatte, war die erste Produktion auf...

«Der Feminismus interessiert mich null»

Es ist nicht ganz einfach, ernst zu nehmende Kollegen bei der Verwechslung von Schauspielern mit ihren Bühnen-Figuren zu ertappen. Ein Theaterkritiker, der einen Mephisto-Darsteller ohne Ironiesignale fragen würde, ob er auch im Privatleben Blut als ganz besonderen Saft abfeiert, hätte sich professionell sofort erledigt. Erzählt man allerdings im Kollegenkreis,...