Mädchen und Männchen
Käthchen, Mädchen!» – Was ist los? Alle wollen dich. Das krudeste Machwerk Kleists, mit schielendem Blick auf die Modetrends seiner Zeit zusammengezimmert aus Versatzstücken diverser Genres – es ist sein erfolgreichstes Stück geworden. Die strukturelle Offenheit, das Bastelwerk, bei dem man die Klebestellen noch sieht, ist ein ideales Objekt der Begierde für den einheitsstiftenden Zugriff eines Regisseurs.
Stefan Bachmann, der gerne zu den großen Stoffen greift, hat gelernt, mit der großen ehemaligen Kabellagerhalle, der Ausweichspielstätte des Kölner Schauspiels, umzugehen.
Olaf Altmann hat ihm eine riesige, mattglänzende Quarterpipe gebaut, eine gebogene Sprungschanze, die die Halle in voller Breite füllt und bis auf die Höhe der ansteigenden Zuschauerreihen ragt. Damit werden die akustischen Tücken des Provisoriums ausgeglichen, und ein Bedeutungsraum für Aufstiege und Abstürze entsteht. Man spielt hier tatsächlich «an des Wahnsinns grausem Hang», an dem Graf Wetter vom Strahl sich umherschwanken sieht.
Abwehrwaffe Ironie
Über diese optische Einheit eines vieldeutigen Symbolmonstrums kommt die Inszenierung jedoch kaum hinaus. Alle Klippen des zerklüfteten Textgebirges werden klug ...
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Theater heute Dezember 2014
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Gerhard Preußer
Ernsthafte aktionistische Gefahr bestand ja nie, wenn Irina Prosorowa zur Feier ihres 20. Geburtstages ihre Lebenspläne kundtat: «Das Haus verkaufen, mit allem hier Schluss machen, und nach Moskau.» Die Antriebsschwäche, mit der die Gelegenheitstelegrafistin und ihre Schwestern Olga und Mascha seit jeher in der Provinz-Immobilie des verstorbenen Vaters hocken...
In Frankfurt gab es im September/Oktober ein großes, gleichwohl weitgehend unbemerktes Projekt. Es war ein weitverzweigtes Gewebe, ein Netz, das von Hanau bis Mainz reichte. Flächenmäßig entspricht das etwa dem Saarland oder auch der Präfektur Tokio, nur dass dort vier Mal so viele Menschen leben wie in der auch nicht gerade menschenleeren Rhein-Main-Region.
Der...
Karlo Kollmar ist verwirrt. Denn die Zeit steht still im neuen Stück des Kleist-Förderpreisträgers Michel Decar. Gleichzeitig rast sie. Karlo Kollmar erwacht vor drei weißen, comichaft-verzerrten Riesenregalen, auf deren unterschiedlichen Ebenen die Figuren und Requisiten seines Lebens lagern.
Die pinkfarbene Freundin zum Beispiel (Rika Weniger), die ständig den...
