Unter Zeitdruck

Michel Decar «Jenny Jannowitz», werkgruppe 2 «Erdbeerwaisen»

Theater heute - Logo

Karlo Kollmar ist verwirrt. Denn die Zeit steht still im neuen Stück des Kleist-Förderpreisträgers Michel Decar. Gleichzeitig rast sie. Karlo Kollmar erwacht vor drei weißen, comichaft-verzerrten Riesenregalen, auf deren unterschiedlichen Ebenen die Figuren und Requisiten seines Lebens lagern.

Die pinkfarbene Freundin zum Beispiel (Rika Weniger), die ständig den Namen wechselt, aber ganz offensichtlich immer dieselbe Person bleibt.

Oder die Mutter in den besten Jahren, die erst vor Einsamkeit in das ausgeschnittene Papp-Tele­fon schluchzt, um dann in der Karibik mit ihren Verehrern Salsa zu tanzen. Der sportliche Kollmar (Raphael Traub) bekommt den Ablauf der Zeit nicht auf die Reihe. Schon in der ersten Szene findet sich das Panoptikum der eindi­mensionalen Ausschneide-Figuren zu einem kollektiv-geraunten «Tick, Tack, Tick, Tack» zusammen.

Während die Zeit gleichzeitig rast und steht, taucht Jenny Jannowitz (Bea Brocks) hinter den Pfeilern des Rangfoyers auf, eine schlanke, androgyne Mannfrau im grauen Business-Kostüm, die Karlo zum Innehalten be­wegen will – und zum Draufschauen auf diese Welt, die sich immer schneller dreht und dabei nirgendwo ankommt.

Wie leider auch dieser ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2014
Rubrik: Chronik Braunschweig, Seite 55
von Alexander Kohlmann

Weitere Beiträge
Die Mischung macht’s

In Frankfurt gab es im September/Oktober ein großes, gleichwohl weitgehend unbemerktes Projekt. Es war ein weitverzweigtes Gewebe, ein Netz, das von Hanau bis Mainz reichte. Flächenmäßig entspricht das etwa dem Saarland oder auch der Präfektur Tokio, nur dass dort vier Mal so viele Menschen leben wie in der auch nicht gerade menschenleeren Rhein-Main-Region.

Der...

Vor uns die Sintflut

Ob als Terrorismus oder Todeskrankheit, täglich rücken die Katastrophen näher. Vielleicht ja ein Glück – falls nach dem finalen Reset endlich mal eine bessere Menschheit kommt und diesen monströsen Zellhaufen Unfähigkeit ablöst. Claudia Bosse hat ihrer neuen Arbeit am FFT den paradoxen Titel «catastrophic paradise» gegeben, der einen gewaltigen, aber auch unklaren...

Im Mauerschwindel

Die Idee von Aktionskünstler Philipp Ruch und seinem «Zentrum für politische Schönheit» war von Anfang an im wahrsten Sinn grenz-wertig. Um auf die unhaltbaren Zustände an Europas Außengrenzen aufmerksam zu machen – wir lassen regelmäßig von Schleppern betrogene Menschen im Mittelmeer ertrinken und bewehren unsere Wohlstandsburg mit Stacheldrahtzäunen und Frontex...