Plastiksessel im Schinkel-Bild

Dortmund: Uraufführung von Anna Behringers «Aufzeichnungen aus einer Doppelhaushälfte» am Schauspielhaus, Regie: Thirza Bruncken.

Theater heute - Logo

Angst haben wir alle. Wer weiß, dass er ein Einzelner ist, hat sie: eine Grundbefindlichkeit des modernen Individuums. Das gilt auch soziologisch: Je freier eine Gesellschaft, je individualisierter, desto mehr diffuse Angst. Das zeigt uns auf belustigende Weise das Stück «Aufzeichnungen aus einer Doppelhaushälfte». Verfasst hat es eine «Anna Behringer», inszeniert hat es Thirza Bruncken. Am Dortmunder Theater spielt man das Versteckspiel um die pseudonyme Autorin mit Vergnügen.



Variantenreich ist die Anlage der Kurz­szenen: Monologe, in denen ohne Punkt und Komma Gedankenfetzen wie automatisch aufgeschrieben sind, echte symmetrische Dialogszenen und oft komplementäre Scheindialoge: Eine(r) spricht, der, die andere schweigt mit Stummelsätzen. Die Themen sind banal, aber alle Szenen bohren sich zu einer höhnisch absurden Pointe durch. Ein Nachbar beschwert sich über die Anpflanzungen seiner Nachbarin mit detaillierter juristischer Sachkenntnis und wettert schließlich gegen die mondförmige Gartenlampe, weil sie ein islamistisches Signal sei. Eine Nachbarin, deren Kind von dem harmlosen Hund nebenan etwas gekratzt wurde, fordert die Tötung des Hundes, weil nur so mit absoluter ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2009
Rubrik: Repertoire, Seite 48
von Gerhard Preußer

Vergriffen
Weitere Beiträge
Besen und Schwämme

Gegen Ende werden Auszüge aus Valerie Solanas SCUM-Manifest zur Vernichtung der Männer verlesen. Anschließend debattiert das Lehrerinnenkolleg aus der Filmadaption von «Mädchen in Uniform» dank Neusynchronisation über den Zungenschlag beim Cunnilingus – im Original beginnt die Sequenz mit dem Motto «Gehorsame Frauen sind gute Frauen». Trotzig endet diese...

Maos Alzheimer

frage: was wird man schon bei einem fünf-minütigen besuch in peking sehen? antwort: zunächst einmal zahlen. ja, jede menge zahlen haben sich schon vor der ankunft vorgedrängt und verstellen einem bei der ankunft die sicht auf die stadt. und es sind nicht etwa mickrige europäische zahlen, nein, hier hat man es immer mit millionen und hunderten millionen, mit...

Die Möglichkeitsform einer Komödie

Das Worst-Case-Szenario sieht in diesem Fall wie eine Mischung aus altmodischem TV- oder Rundfunkstudio, Kraftwerks-Kontrollraum und Raumschiff Enterprise aus. Die Schauspielerinnen und Schauspieler blicken uns durch ein in die hintere Wand der Bühne geschnittenes Panoramafenster an; sie haben große Kopfhörer auf und verschiedene bunt blinkende Lämpchen im Rücken....