Rätsel in Schwarz

Franz Grillparzer «Medea»

Theater heute - Logo

Die Beliebtheit des Medea-Mythos dürfte unter anderem in seiner dreifachen Verwertbarkeit für heute liegen: Zum einen das Thema Kindsmord als ein aus Verzweiflung geborener Akt der Autoaggression. Zum anderen das immer gültige Ehedrama: Er nimmt sich eine Jüngere, sie bleibt als desperate Ex zurück. Zum dritten aber auch die arrogante Xenophobie, die ein anscheinend aufgeklärter Zeitgenosse wie der Grieche sich gegenüber den «Barbaren» aus Kleinasien leistet und die im dritten Teil von Franz Grillparzers Trilogie vom Beginn des 19.

Jahrhunderts rund um den Raub des goldenen Vlies’ eine große Rolle spielt. 

In «Medea» akzentuiert Grillparzer vor allem die Willkür der Staatsgewalt und die juristisch anmutenden Winkelzüge des korinthischen Königs Kreon zur Abschiebung der Gattin Jasons, den er sich an der Seite seiner Tochter Kreusa gut vorstellen kann. In Mannheim, wo die junge Lisa Nielebock inszeniert hat, ist der inzwischen nicht mehr so ganz heimliche Star des Ensembles, Ragna Pitoll, zuerst einmal eine Medea der Unnahbarkeit. Wie sie da sitzt im kurzen Schwarzen und dunklen Rollkragenpulli, könnte sie eine Rechts­anwältin aus einer US-amerikanischen Law-and-Order-Serie sein. Eine ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2008
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Jürgen Berger

Vergriffen
Weitere Beiträge
Zuschauer: Schauspieler, Poltiker, Selbstdarsteller

Michael Merschmeier Wir haben zusammen Jürgen Goschs Inszenierung von Tschechows «Onkel Wanja» im Deutschen Theater gesehen. Ihr Vater war Arzt, Sie haben auch Medizin studiert. Ist die Figur des Doktor Astrow Ihrer Erfahrung nach eine Karikatur: ein Trinker, der kaum arbeitet, aber über zu viel Arbeit klagt?

Jürgen Zöllner Die Kombination Arzt und viel Arbeit ist...

Im Liebesknochen war Gift

 

Wenn man sich das deutsche Kino als ein Wirtschaftssystem vorstellt, mit verschiedenen Branchen, dann wäre der Regisseur Andreas Kleinert ein Vertreter der Schwerindustrie; Verhüttung, schweres Gerät und hohe Temperaturen.

Seine Filme handeln von Außenseitern, die ihr Außenseitertum mit aller Macht behaupten: Der Wendeverlierer Walter etwa, den Hilmar Thate in...

Quickies mit Marx

Nachdem schon die Bühnenversion mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde, erhält nun das Hörspiel «Karl Marx: Das Kapital, Band I» von Helgard Haug und Daniel Wetzel den bedeutendsten deutschen Hörspielpreis. Eine Diskussion, ob das ein nach­spielbares Stück sei, wie Kritiker zur Mülhei-mer Entscheidung anmerkten, wird es in diesem Fall aber wohl nicht...