Kraftproben von Macht und Recht

Barbara Wysocka inszeniert Heiner Müllers «Wolokolamsker Chaussee» in Wroclaw, eine polnische Erstaufführung

Theater heute - Logo

Der Anfang des Fünfteilers ist für Polen eine Schmerzstelle: «Wir lagen zwischen Moskau und Berlin ... Zweitausend Kilometer weit Berlin / Einhundertzwanzig Kilometer Moskau», denn das besetzte Polen kommt in Müllers Stück über die Spur der Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg mit keiner Silbe vor. Im Teatr Polski wird diese Eröffnung unzählige Male wiederholt und auf die Rückwand projiziert – im Ganzen wird diese späte polnische Erstaufführung der «Wolokolamsker Chaussee» noch sehr daran erinnern, wie die Panzerspur auch durch die eigene Geschichte ging.



Fünf Schreibtische, drei Männer in wechselnden Situationen, Kraftproben von Macht und Recht. Die junge Regisseurin Barbara Wysocka (die im Kino als Schauspielerin in Robert Thalheims «Am Ende kommen Touristen» zu sehen war) hat für das Stück eine klare Grundsituation gewählt, die alle nötigen Va­riationen für die fünf Stationen des nach der Haft ausgereisten Funktionärsadoptivsohns erlaubt – vom Schützengraben vor Moskau bis nach Westberlin. Zu Beginn sitzt der Kommandeur als Rentner rechts auf einem Lehnstuhl und erinnert sich: Vorn er selbst als Offizier mit offenem Hemd, links an der Schreibmaschine sein Widersacher, der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2010
Rubrik: Magazin: Polen, Seite 68
von Thomas Irmer

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die Revolution ist kein Gelage

Man hat in Ivo van Hoves Molière-Inszenierung verdächtig viel Zeit, sich über die Requisite Gedanken zu machen. Zum Beispiel über das Party-Buffet, das die schicke Clique des It-Girls Célimène an einem Freitagabend auf ihrem Wohnzimmertisch auspackt. Ist es plausibel, dass diese gut gekleideten Yuppies, die ständig auf teuren Mobiltelefonen und Handrechnern online...

Versager fliegen raus

Sei’s die bayrische Provinz oder die amerikanische Vorstadt, ersticken kann man in beiden. Rigide Wertesysteme prägen diese Welten, und deren Anforderungen genügt eine ganze Reihe Menschen nicht. Sie werden zu Randständigen, zu Außenseitern. Der Bühne als Spiegel der Gesellschaft kommt das entgegen, denn der Blick aufs Ganze ist vom Rand aus bekanntlich klarer. Die...

Die Baustelle der anderen

Wo gehobelt wird, fallen Späne. Wo zerstört wird, fliegt der Glitter. Zumindest ist das im Stuttgarter Schauspiel so, wo eine Baubrigade kaputt macht, was sie zuvor gebaut hat. Weil es ein Beschluss so will, und weil Beschlüsse nicht verhandelbar sind. «Der Bau» ist ein mehr als vierzig Jahre altes Stück von Heiner Müller, das zumindest in seinem Parabel­charakter...