Die Revolution ist kein Gelage
Man hat in Ivo van Hoves Molière-Inszenierung verdächtig viel Zeit, sich über die Requisite Gedanken zu machen. Zum Beispiel über das Party-Buffet, das die schicke Clique des It-Girls Célimène an einem Freitagabend auf ihrem Wohnzimmertisch auspackt.
Ist es plausibel, dass diese gut gekleideten Yuppies, die ständig auf teuren Mobiltelefonen und Handrechnern online sind, sich mit Junkfood von Lidl zufrieden geben? Wäre nicht ein ordentlich selbstgekochtes Menü in dieser mit Realismus-Zeichen nicht knausernden Inzenierung realistischer? Oder wenigstens ein Einkauf im Biosupermarkt? Und wieso sind die vier Müllbeutel, die Célimènes eifersüchtiger Verehrer Alceste nach seinem wütenden Ausbruch auf die echte Straße vor der Berliner Schaubühne direkt aus der nächsten Tonne auf die Bühne zerrt, anscheinend identisch und nicht ohne Sorgfalt gepackt? Weil wirkliche Scherben, tote Tiere oder Babywindeln eine Zufallsgefahrenquelle wären, in der Schauspieler sich lieber nicht wälzen sollten?
Die reifere Jugend von heute
Zunächst unternimmt der belgische Regisseur Ivo van Hove ja nichts Anrüchiges, wenn er Molières Komödienklassiker behandelt, als wärs ein Stück über uns und heute. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
1929 war das ein veritabler Theaterskandal: In Erwin Piscators Volksbühnen-Uraufführungsinszenierung von Walter Mehrings «Kaufmann von Berlin», einer auch unter Juden spielenden Persiflage auf Inflationsgewinnler, warfen SA-Männer Stinkbomben. Aufruhr ist kaum zu erwarten, wenn Frank Castorf 80 Jahre später ebenda eine Neuauflage versucht.
Trotzdem eine löbliche...
Bernd NoackHerr Kusenberg, wir stehen hier in einem lichten Foyer, das über drei Stockwerke geht – wahrhaft großstädtische Ausmaße. Alles ist hell, weitläufig, einladend: kein Vergleich zum Muff von früher...
Klaus KusenbergJa, da stolperte man durch Pfützen, bevor man überhaupt ans Schauspielhaus kam, das wiederum schlecht beleuchtet war, man fand es kaum. Und man...
Ich war dabei. Beim ersten Baggerbiss in den Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Beim ersten Einsatz von Wasserwerfern gegen Demonstranten im Stuttgarter Schlossgarten. Ich war dabei in Volker Löschs ahnungsvoller Inszenierung «Faust 21» im Schauspielhaus. Ich war dabei in Volker Löschs Produktion «Manifeste des Widerstands». Drei Jahre später stand ich vor...
