Stalin schläft
Wer eine knappe Viertelstunde vor Schluss, nach gut fünfeinhalb Stunden in den kuscheligen Polstern des Wiener Burgtheaters noch einen Hinweis nötig hatte, worum es geht, den klärte Sophie Rois auf: «Die Burg gehört jetzt mir!» Wobei «die Burg» mindestens dreierlei bedeutet: Neben dem österreichischen Nationaltheater, dem am Tag vor der Premiere der Direktor per ministeriellem Sofort-Rausschmiss abhanden gekommen war, vor allem das Bühnenbild von Bert Neumann: Ein munter auf der Drehbühne kreiselnder, riesiger mittelalterlicher Burghof, dem Innen- und Außenraum nahtlos ineinander
übergehen, mit einem düsteren Turm, neckischen Verliesen und einem gern benutzten offenen Abtritt an der Mauer, der auch als Dusche benutzt werden kann. Der monströse holzgezimmerte Abenteuer-Spielplatz für große Kinder darf aber ebenso als Staat gelesen werden: Die schwarze Burg vor leuchtend sowjet-rot ausgehängtem Hintergrund muss mindestens der Farbsymbolik nach auch ein Zeichen alter Größe unter Stalin sein, zu dem Frank Castorf seit je ein respektvoll-freundschaftliches Verhältnis pflegt. Er suche ja immer nach dem Stalin in sich, hatte Castorf schon vor 20 Jahren gern in Interviews bekundet. So ...
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Theater heute Mai 2014
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Franz Wille
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