Die Eigendenkerin
Eher selten findet man heute diese Art dazustehen. Es gibt sie auch nur bei Frauen. Die Füße sind weit voneinander entfernt, die Beine steigen parallel vom Boden auf – obwohl sie doch schräg zusammenlaufen müssten, um in der Hüfte gemeinsam anzukommen. Es ist ein anatomisches Wunder. Walt Disney hat Minnie Mouse eine Weile so gezeichnet.
Wenn Frauen so dastehen, sieht es aus, als stünden sie mit beiden Beinen fest im Leben. Auf der Bühne gehörte dieses Dastehen einmal zum proletarischen Frauentyp. Therese Giehse stand manchmal so da.
Frauen, die das Leben geformt hatte: Sie trugen dazu einen Mutter-Courage-Kittel.
Bettina Hoppe trägt auch so einen Kittel. Ihrer ist grau, vorne runtergeknöpft, ein Designerkittel mit Arbeiteranmutung. Mit diesem Hauch von Proletariat verkörpert Bettina Hoppe den Chor der korinthischen Frauen zwischen den Barbaren und der kultivierten Welt. Dieser Chor ist keine Frau, die sich mit Charme durchs Leben schlängelt. Mit wenigen, einfachen Gesten und Bewegungen markiert er riesige Gedankenräume zwischen Medea und Jason.
Es ist einer der schönen Seitenstränge in Michael Thalheimers Inszenierung von «Medea» am Schauspiel Frankfurt, neben das ...
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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Theatertreffen Berlin, Seite 17
von Peter Michalzik
Am Schluss steht Galilei mit geröteten Augen, geschlagen, apathisch. Für die große Selbstanklage, die Brecht dem Sternenforscher, der vor der Inquisition einknickte, in der letzten Fassung des «Leben des Galilei» beigelegt hat, reicht es nicht mehr. Stattdessen schöpft Galilei sein persönliches Bekenntnis aus jener Szene, in der er den kleinen Mönch zur Astronomie...
Sie knistert verheißungsvoll bei jeder Berührung, braucht Raum – mindestens einen Sitzplatz in der U-Bahn, besser noch eine Ecke im Café –, um sich genüsslich aufzublättern und verströmt das unvergleichliche Aroma von frischem Papier, Druckerschwärze und gut gewürzter Geistesnahrung. Bei den Kindern der Post-Gutenberg-Ära könnte eine derartige Beschreibung bald nur...
Schulniveausenker, Frauenschläger und vielleicht sogar spätere Rentenkassierer – über die gewaltbereiten unsozialen Jugendlichen mit Migrationshintergrund lassen wir uns in Deutschland gerne aus. Für die Generation ihrer Großeltern, die als sogenannte Gastarbeiter in den 60er Jahren nach Deutschland kamen, haben wir uns indes nie interessiert, auch nicht im...
