Operation am offenen Gehirn
Woran liegt es, wenn es wieder einmal hakt im Hirn? Wenn sich angesichts der leeren Bühne oder des weißen Papiers alle Ideen ganz hinten im Gestrüpp der grauen Zellen versteckt zu haben scheinen? Handelt es sich in solchen Fällen tatsächlich um voll zurechnungsfähiges menschliches Versagen? Oder bloß um einen akuten Mangel an bestimmten Neurotransmittern in unserem Denkorgan? Was läuft dort ab, wenn man glaubt, sich gerade ganz ungezwungen zwischen A und B zu entscheiden? Bestimmen neuronale Kurzschlüsse und kollabierende Synapsen unser Schicksal? Oder, anders gefragt, ist der Mensch
mehr als sein Hirn?
Thesen, die uns in letzter Zeit vor allem in den Debatten um Schuldfähigkeit und Willensfreiheit zwischen argumentativ oft schwächelnden Moralphilosophen und hemdsärmligen Hardcore-Naturalisten wie Wolf Singer oder Benjamin Libet begegnet sind und die im Ansatz doch schon seit über hundert Jahren, unter anderem von Georg Büchners jüngerem Bruder Ludwig verbreitet wurden. Sein Hauptwerk «Kraft und Stoff» aus dem Jahr 1855 galt damals bald als Bibel der Materialisten und wurde zur Inspirationsquelle des russischen Nihilismus. Jewgenij Basarow, der Held aus Iwan Turgenjews 1862 ...
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Ibsens Auferstehung: Heddas und Noras auf fast allen deutschen Bühnen. «Absturzängste des Bürgertums» seien aktuell, sagt Thomas Ostermeier, der Protagonist des Ibsen-Revivals. Nun stürzt das Bürgertum schon seit 100 Jahren ab. Sein Überleben könnte also von seinen Absturzängsten verursacht sein und Ibsens dauerhafter Erfolg von der hartnäckigen, alternativlosen...
Es heißt, Menschen könnten sich ändern. Aber eigentlich geschieht das so selten, dass Ausnahmen gerne in Kinofilmen und Romanen inszeniert werden, wo sie immer zu großen Rührstücken geraten. Wenn es tatsächlich möglich ist, dass ein Mensch sein Verhalten ändert – und zwar zum Positiven –, dann packt das den Zuschauer an seiner weichsten Stelle. In unserer erlernten...
Was ist denn mit unserer Familiensaga?», fragt Lavinia am Ende aller Lieder und Worte. «Was ist mit Vater, Mutter, Kind?» Es ist eine rhetorische Frage, eine höhnische, traurig-trotzige. Sie steht nicht bei O’Neill, dessen ausufernde Familientragödie «Trauer muss Elektra tragen» in den vorangegangenen zwei Stunden so lakonisch wie parodistisch exekutiert worden...
