Das ist wie Schicksal

Eugene O’Neills «Trauer muss Elektra tragen», inszeniert von Stefan Pucher, und Felicitas Bruckers Uraufführung von Anja Hillings «Engel» an den Münchner Kammerspielen

Theater heute - Logo

Was ist denn mit unserer Familiensaga?», fragt Lavinia am Ende aller Lieder und Worte. «Was ist mit Vater, Mutter, Kind?» Es ist eine rhetorische Frage, eine höhnische, traurig-trotzige.

Sie steht nicht bei O’Neill, dessen ausufernde Familientragödie «Trauer muss Elektra tragen» in den vorangegangenen zwei Stunden so lakonisch wie parodistisch exekutiert worden ist, doch sie verdeutlicht noch einmal, was der Regisseur Stefan Pucher im Sinn hatte mit diesem Stück: nicht das psy­chologische Sittengemälde, nicht das monströse Familien-Triptychon nach antikem Vorbild, auf dem sich eine ganze Gesellschaft – hier die amerikanische – bis in die feinsten Nervenzüge wiedererkennt, sondern das überlebensgroße Einzelporträt: das Bildnis der Lavinia/Elektra, in deren Kopf sich der Horror abspielt und in deren erstarrtem Antlitz er sich spiegelt. Es ist das faszinierende Gesicht der Schauspielerin Katharina Schubert, in dem Puchers Inszenierung in den Münchner Kammerspielen gipfelt. Das Gesicht einer Frau, die sich in radikaler Eigenverantwortungsethik ihrem Schicksal stellt, unendlich einsam, hart und kalt; entschlossen, sich selbst zu bestrafen, weil niemand mehr übrig ist, der ihr den Gnadenschuss gibt. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2006
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Christine Dössel

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die Generalin

Allüberall steht er auf dem Spielplan, Shakespeares venezianischer Mohr. Das Stück über die Eliminierung des Fremden passt scheinbar gut zur Aufregung um dänische Mohammed-Karikaturen, eine Regensburger Papstrede und, jüngst, zur LKA-Warnung, die in Berlin zur Absetzung der Oper «Idomeneo» führte. Die Angst, sich unbeliebt zu machen bei den gefährlichen...

Beim Barte des Propheten

Eva BehrendtMatthias Lilienthal, hat Frau Harms einen Fehler gemacht, als sie den «Idomeneo» abgesetzt hat?
Matthias LilienthalIm Prinzip verstehe ich überhaupt nicht, wie man das machen kann. Aber wenn man genauer hinguckt, ist doch merkwürdig, dass die Fronten anders als sonst verlaufen: Hier hat kein linker Regisseur provokative Bilder geliefert, es ist nicht der...

Einen hab ich noch

Wann ein Mann ein Mann ist, hat Herbert Grönemeyer aus Bochum schon vor einer Weile geklärt. Diese Männerdämmerung passierte im Zickenbeat und tat etwas weh, vor allem in den Ohren, aber das Leiden hat sich gelohnt: Wir dürfen jetzt weinen und rosa Hemden tragen. Es lag also doch auch ein Sieg in der Niederlage. Etwas länger beschäftigt man sich allerdings mit dem...