Die Kunst der Inventarisierung
Idealtypischer könnte so ein Tag in Wiesbaden kaum enden. Da kommt man von einem spätnachmittäglichen Ausflug von der russisch-orthodoxen Kapelle auf den begrünten Hängen des Nerobergs zurück zum alten Kurzentrum mit seiner klassizistischen Spielbank, in der schon Fjodor Dostojewski den einen oder anderen Rubel verjubelte. Und gleich nebenan im Staatstheater geht der Spaziergang gewissermaßen imaginativ weiter, dank Joël Pommerat und seinem Bilderreigen «Kreise/Fiktionen» (produziert mit seiner Compagnie Louis Brouillard für Peter Brooks Pariser Théâtre des Bouffes du Nord).
In gedämpftem Licht versucht hier ein alternder Aristokrat seine Dienstverhältnisse auf freie Lohnarbeit umzustellen, nicht zuletzt um dadurch intimer mit seinem Diener werden zu können. Das Spiel ist still und kühl, von minimalistischer Klaviermusik ummantelt und mit einem ausgeklügelten Duftdesign grundiert. Und während im Dunkel zwischen den kurzen Szenen die grünen Lampen an den Biennale-typischen Übersetzungsgeräten rundherum wie Glühwürmchen leuchten, meint man: Ja, so könnte es auch in den Gründerzeitvillen draußen auf der Wilhelmstraße zugegangen sein, als der Adel das politische Regime samt ...
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Sie gleiten wie schlafwandelnde Eisläufer über die Bühne und passieren Spiegel, in denen sie wie flüchtige Erscheinungen auftauchen. Gelegentlich wandeln sie auch wie Pärchen, dann allerdings verschwindet plötzlich einer von ihnen hinter einem der Spiegel und wird scheinbar verschluckt. Da hat man den Eindruck, Mannheims Schauspielchef Burkhard C. Kosminski habe...
Die Soldaten verschnarchen das Schönste. In Unterhemden und Hosenträgern liegen sie in einer Nische des Basler Schauspielhauses, ein Knäuel eidgenössischer Landser auf Gefechtspause, da springt ein massiger Offizier auf die abschüssigen Planken und trällert ein Mundartliedli. Ein wunderlicher Anblick ist das, denn der Offizier hat schwarze Hautfarbe, trägt...
Über die Grenzen der Stadt hinaus wurde das Wiener Schauspielhaus in den letzten drei Spielzeiten vor allem dank der Stücke von Ewald Palmetshofer wahrgenommen, die hier uraufgeführt wurden. Die beim Wiener Publikum beliebtesten Produktionen von Andreas Becks Intendanz aber waren bisher die Theaterserien. 2008, in Becks erster Spielzeit, wurde Heimito von Doderers...
