Schmerzensweiber und Wunderdamen

Der Ballast der Geschlechterzuschreibung ist im Schwinden begriffen, die schöne neue Welt bricht morgen an. Eine Erinnerung an Bühnenfrauen der letzten 25 Jahre. von Matthias Günther

Theater heute - Logo

Als wir in alten Autos Mitte der achtziger Jahre aufbrachen, um das deutsche Stadttheater genauer kennenzulernen, machten wir Station an der berühmten Berliner Schaubühne und sahen drei Schmerzensweiber, die von Moskau träumten. Die Damen waren grandiose Schauspielerinnen, deren elegisches Spiel durch den gekonnten Singsang Sprache zur Arie formte, die weich aus den gespitzten Mündern floss. Ein wenig fühlte es sich an, als würde man einer Andacht beiwohnen. Es hatte einen merkwür­digen Ernst und war überhaupt nicht lustig.

Nachdem die Weiber immer wieder von Moskau sprachen, ihrem Sehnsuchtsort, war man kurz davor, die Bühne zu betreten, die Autoschlüssel auszuhändigen und zu sagen: Dann fahrt doch einfach los, ihr verwöhnten Klappstuhlhennen. Hier habt ihr unsere alte Karre, die bringt euch ostwärts, da steckt die Sprache in ganz anderen Leibern.


    Von Frauen, für Frauen, mit Frauen

Zumindest dachten wir das, weil wir einige Jahre zuvor eine ostdeutsche Wunderdame
namens Thalbach als Kölner Käthchen auf der Bühne gesehen hatten, die ihre fanatische Unbedingtheit der Liebe so lebte, dass am Ende die Rückwand des Kölner Schauspielhauses den Blick in die Stadt freilegte. Theater ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2011
Rubrik: Frauen im Theater, Seite 15
von Matthias Günther

Weitere Beiträge
Theatertreffen 2011

Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin schickt Hauptmanns «Der Biberpelz», inszeniert von Herbert Fritsch, der auch Ibsens ebenfalls eingeladene «Nora» aus dem Theater Oberhausen verantwortet. Weiter nominiert ist vom Dresdner Staatsschauspiel Roger Vontobels «Don Carlos»-Inszenierung. Der dritte bisher noch nie zum TT geladene Regisseur ist Nurkan Erpulat mit...

Der Vater und seine Zeit

Blizzard-Maschinen blasen Stefan Hunstein auf die Bühne der Münchner Kammerspiele. Kaum lässt sich die Türe halten, mühse­lig schleppt er seinen schneeverkrusteten Rucksack auf die hölzernen Planken, die Johan Simons weit in den Zuschauerraum ragen lässt. Ein schein­bar schlafender Pianist am plastikverhüllten Kneipenklavier erwartet ihn. Sonst nichts. Der...

Kurzschlüsse und Melancholie

Kinderlosigkeit führt heute zu allem Möglichen, zu weiblichen Karriereplänen, demographi­schen Debatten, künstlichen Befruchtungen, Leihmüttern, aber nicht zu Mord. Hauptmanns «Ratten» aktualisieren zu wollen, wäre absurd. Zur Gegenwart aber gehört die selbstreferentielle Struktur dieses Dramas: wie es sich auf sich selbst beziehen muss, wenn es über die...