Wiedergänger der westlichen Welt

Im Hamburger Schauspielhaus verlegt Christoph Marthaler Nestroys «Häuptling Abendwind» zurück nach Europa, und Karin Henkel macht den großen Thomas-Bernhard-Test

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Wer Ueli Jaeggis Arthur, dem «Friseur aus Europa», tief ins Gesicht blickt, weiß alles über die westliche Zivilisation: ein stolzer Jüngling von Mitte Sechzig mit elastischen Augenringen und zarten Tränensäcken, der leichten Röte von Bluthochdruck im Antlitz und den gründlich verlebten Zügen, die Jahrzehnte im mittleren Genussmittel-Wohlstand mit sich bringen. Nur die Zähne sind in noch erbarmungswürdigerem Zustand. Im Inselreich der Groß-Lulu ist die regelmäßige Dentalprophylaxe noch nicht angekommen.

 

Johann Nestroys «Häuptling Abendwind» qualmt nur so vor kolonialen Klischees. Zwei derb-gemütliche Wiener Biederbürger nebst familiärem Anhang sind ins Fantasy-Setting zweier «wilder» Südseeinseln verpflanzt, wo sie einem fröhlichen Kannibalismus frönen. Abendwind, der Sanfte, und sein Nachbar-Häuptling Biberhahn, der Heftige, von der Inselgruppe der Papatutu sind zum Diner verabredet und zu wichtigen politischen Gesprächen, zumal Biberhahns Archipel schon seit längerem von Europäern entdeckt wurde, was den Luluanern demnächst auch blühen könnte: «’S is a Volk, was eine schnoflete Sprach’ red’t und sich einbildt, an der Spitze der Zivilisation zu stehen – sie sind auch Erfinder der ...

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Theater heute April 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Franz Wille

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