Sekunde durch Hirn
Einer sehr pessimistischen Philosophie zufolge ist die Entfremdung in Gesellschaften der bei uns vertrauten Art so weit vorangeschritten, dass kein Rest bleibt, keine Regung, kein Wunsch und kein Begehren, die nicht die Imperative der vermarkteten und verwalteten Welt vollstrecken.
Das Bestechende an dieser düsteren Interpretation ist ihre Unwiderlegbarkeit. Wer widerspricht und dabei auf seine Freiheit pocht, verrät nur seine Naivität.
Er (oder sie) hat einfach noch nicht gemerkt, dass das «System» längst die innersten Bezirke des Selbst erobert und seinen Sinn genormt, geformt hat. Was immer sich die Individuen vorstellen, was sie denken, wollen, wählen – es fügt sich, wie von höherer Hand geleitet, in die bestehende Ordnung ein. Die «Multioptionsgesellschaft» ist ein grandioses Ablenkungsmanöver, Teil des Plans einer Vorsehung, die ihr Werk – fundamentale Alternativen aus den Köpfen und dem Streben der Menschen zu verbannen – mit rein irdischen Mitteln vollbringt. Dem Anschein nach kontrastreich, vielfältig, individualistisch wird das Leben in Wahrheit von Monotonie und Konformismus beherrscht und verströmt im festen Griff des falschen Insgesamt. Ich halte diese schwarze ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Die reflektierte Trauer der verlassenen Frau sei künstlerisch nicht darstellbar, weil sie rein innerlich sei, meinte Kierkegaard. Nur als Schattenriss, der sich gegen den Hintergrund abhebe, werde solche Trauer deutlich, und er zeigte dies an den großen Verlassenen der Dramengeschichte: Gretchen, Marie Beaumarchais, Doña Elvira. Roland Barthes erkannte dagegen,...
Sonnenbrille, Dreitagebartgestrüpp, Stirnnarbe und Brusthaar: Vom Schutzumschlag guckt der Rockpoet. Nur eins der Etiketten, mit denen Thomas Brasch gerne belegt wurde und gegen die er wütend ankämpfte. Dissident war ein anderes. Um dieser Schublade zu entgehen, die den Medien ungemein ergiebig erschien, stürzte er sich in wagemutige Behauptungen über die DDR....
Der Schriftsteller hört in einer bekannten sonntäglichen Rundfunksendung seine Gedichte und fasst seine tiefe Bewegung in die lapidare Feststellung: «Traugott Buhre sagt mir, dass ich doch ein Dichter bin.» So berichtet Thomas Bernhards Bruder, als dieser Traugott Buhres Lesung der Gedichte «In hora mortis» im österreichischen Rundfunk gehört hatte. Das war vor 20...
