Wo steht der Feind?
Nichts fließt so störungsfrei wie der Burgunder am Hofe des Burgunderkönigs Gunther. Am naheliegenden Rebsaft-Kalauer führt natürlich kein Weg vorbei, wenn man «Die Nibelungen» – wie Sebastian Baumgarten am Staatsschauspiel Dresden – als geboten krachlederne Antihelden-Räuberpistole erzählen will. Nachvollziehbar allerdings auch, dass da zumindest der Teutonen-Heroe Siegfried ergänzend zu härteren Drogen greifen muss.
Egal, ob er sich fürs epilogische Steinewettwerfen gegen den militant-depperten Gunther-Clan rüstet oder für die aufopferungsvolle stellvertretende Brunhild-Beschlafung: Prompt weiß das von keines überflüssigen Gedankens Blässe angekränkelte Testosteron-Paket (Sascha Göpel) mit seinem gorillaesken Oberarm aus irgendeiner Baumwollkettenhemd-Falte stets einen gut gefüllten Flachmann hervorzunesteln. Zumal der Sex mit Brunhild (Cathleen Baumann) hier strafverschärfend restsodomitische Züge trägt, weil die «Isenland»-Queen in einem gesichts- wie ganzkörperbehaarten Neandertaler-Suit steckt und erst postkoital zum Domestizierungs-Waxing schreitet.
Kurzum: Neben den ausgetretenen Helden-Topoi zieht Baumgarten in Hartmut Meyers weitem, schrägenreich-multifunktionalen ...
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Theater heute Dezember 2015
Rubrik: Chronik: Dresden, Seite 66
von Christine Wahl
Eines mehr oder eher weniger inspirationsarmen Arbeitsabends googelt die Ich-Erzählerin in Monique Schwitters Roman «Eins im Andern» ihre Jugendliebe. Die Trefferliste provoziert einen existenziellen Schock: Der Junge namens Petrus, mit dem die notorische Pumps-Trägerin zwanzig Jahre zuvor in geborgten Seehundstiefeln tiefwinterliche Silvesterlandschaften...
Die Bühne ist ein Dach. Es schaukelt ruhig vor sich hin, schwebt noch oben und nach unten, und manchmal neigt es sich auch gefährlich nach vorne. Dann verlieren die Figuren in ihren cremeweißen Rüschen- und Spitzenkleidern beinahe den Halt und klammern sich an den Stühlen oder der Chaiselongue fest, die Bühnenbilder Harald B. Thor auf das Bretterdach genagelt hat....
Beginnen wir mit der Suche nach Veränderung. Revolutionen seien die Lokomotiven der Geschichte, meinte Karl Marx. Klingt nicht nach einem gemütlichen Betriebsausflug, weist aber eindeutig nach vorne ins Bessere. Wie sich der historische Antrieb der russischen Revolution für die freiwilligen wie unfreiwilligen Fahrgäste anfühlt, hat Andrej Platonov beschrieben: Eine...
